23. Giesler Kölsch

Zum Abschluss meiner Kölsch-Reise bleibe ich zumindest ursprünglich in meiner neuen Heimat Brühl. Das Giesler-Kölsch steht dabei sinnbildlich für viele weitere meist kleinere Kölsch-Marken. Denn auch das Giesler ist nicht mehr eigenständig, sondern wird seit vielen Jahren bereits nicht mehr in Brühl gebraut.  Ende der 1990er wurde es an die Dom-Brauerei AG verkauft und 2005 erfolgte der Abriss der altehrwürdigen Giesler-Brauerei mitten in der Schlossstadt Brühl. An diesem historischen Standort steht heute die Giesler-Galerie – das erste (und bisher einzige) Einkaufszentrum Brühls. Eröffnet wurde diese interessanterweise an meinem Geburtstag 2006. Zum Glück konnte wenigstens der Sudturm erhalten bleiben, sodass dieser nun von der Galerie vollständig umschlossen im Zentrum des Komplexes steht. Dies und die Tatsache, dass das Einkaufszentrum unter den Gesichtspunkten Stadtplanung und Regionalentwicklung, durchaus ein Gewinn für Brühl ist, muss daher positiv hervorgehoben werden.

Es folgt eine Chronik der ereignisreichen Giesler-Kölsch-Geschichte:

  • 1832: Friedrich Giesler erwirbt das Brühler Schloss Falkenlust von Kurfürst Clemens August – eines der beiden heutigen UNESCO-Weltkulturerbestätten Brühls.
  • 1874: Gründung der Giesler Brauerei durch Übernahme der innenstädtischen Braustätten an der Uhlstraße (vermutlich von der Braufamilie Früh).
  • nach 1874: Giesler kauft eine weitere Brühler Brauerei und firmiert zur Friedrich Giesler’sche Brauerei zum Vorgebirge
  • 1897: Der heute noch existente Sudturm wird im Zuge der Brauerei-Erweiterung fertig gestellt.
  • 1914-18: Durch den kriegsbedingten „Fachkräftemangel“ schließen sich die Schlossbrauerei Brühl AG und die Friedrich Giesler’sche Brauerei GmbH zur „Brühler Brauerei-Gesellschaften mbH“ zusammen
  • 1953: Aus dem „Giesler-Hell“ entsteht das „Giesler-Kölsch“. Weitere Biere, die Giesler zu der Zeit braut: Clemens-August Pils, Giesler´s Alt, Giesler´s Bock, Giesler Spezial Export und Giesler Kraft-Malz.
  • 1979: Der Jahresumsatz erreicht erstmals die Marke 10 Mio. DM.
  • 1990: Das Brühler Leicht wird eingeführt. 90% Marktanteil hat aber weiterhin das Kölsch.
  • 1998: Die Giesler Brauerei wird durch Dom-Kölsch übernommen – somit endet eine 125 Jahre alte Brühler Biertradition.
  • 2000: Mit dem Abzug der Bierproduktion nach Köln endet fast das Kapitel der Brühler Kölschherstellung.
  • 2002: Infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten der Dom-Brauerei wird die Giesler-Produktion beinahe eingestellt.
  • 2005: Die historische Braustätte der Giesler-Brauerei an der Uhlstraße wird fast komplett abgerissen. Lediglich der denkmalgeschützte Sudturm bleibt erhalten.
  • 2006: Um weiter Kosten zu senken wird die Herstellung aller Dom-Marken unter dem Lohnbräu-Verfahren nach Bielstein zur Erzquell-Brauerei (siehe 20.) verlagert.
  • 2013: Die Radeberger-Gruppe schluckt die bereits im Insolvenzverfahren befindliche Dom-Brauerei. Daraufhin zieht das Giesler-Kölsch ein zweites Mal (zurück) nach Köln.

Im Rahmen meiner Recherchen zum Giesler stoße ich dann auf folgende Aussage auf der Website der „Giesler-Braurerei“:

„Aufgeschlossene Biergenießer suchen immer stärker nach Authentizität und einem ehrlichen Heimatgefühl, mit dem man sich identifizieren kann. Giesler Kölsch macht fürstlich vor wie gut unverwechselbare Geschichte und Tradition schmecken können.“

Authentizität? Ehrliches Heimatgefühl? Unverwechselbare Geschichte und Tradition? Kaum zu fassen, was sich hier die Verantwortlichen raus nehmen. In der Tat, es ist sicherlich löblich, dass man damals die Marke Giesler nicht gänzlich vom Markt genommen und somit der Geschichte zugeführt hat. Aber muss man den „aufgeschlossenen Biergenießer“ derart in die Irre (vor-)führen? Nun, sei´s drum – wenden wir uns nun dem Wesentlichen zu: Dem Bier.

Steckbrief

23_Giesler Kölsch-Steckbrief

Bewertung

23_Giesler-Kölsch

  • Flaschendesign + Kronkorken

Als einzige Flasche in meiner Kölsch-Stichprobe ist das Giesler in der eher unattraktiven sogenannten „NRW-Flasche“ abgefüllt. Aufgrund der Beibehaltung des historischen Designs der Flaschenetiketten gibt es einige Pluspunkte. Hier ist weiterhin das klassische Giesler-Logo mit Kurfürst Clemens August zu Brühl im Zentrum zu sehen. Auch der Kronkorken mit den Schriftzug „…genüsslich gieslern“ geht auf frühere Werbeslogans zurück. Es ist also offensichtlich, dass hier die traditionelle Marke unterstrichen werden soll.

  • Aussehen

Keine Überraschungen – auch hier ein sattes gold-gelb. Die Schaumbildung ist eher mittelmäßig.

  • Geruch

Aus dem insgesamt dumpfen Geruch stechen höchstens einige hopfige oder süßliche Nuancen heraus.

  • Geschmack

Das 11. Kölsch und der 11. Geschmack. Auch hier ist wieder eine ganz individuelle Geschmacksnote herauszuschmecken. Das Giesler würde ich als Hybrid zwischen herb und süffig bezeichnen. Sehr weich im Gesamteindruck sind nur dezente Hopfenspitzen herauszuschmecken. Auch der Abgang kann unter den obigen Umständen als harmonisch bezeichnet werden. Im Vergleich zu vielen anderen Kölsch hat es sogar einen ziemlich hohen Prickel-Faktor.

  • Fazit

Auch wenn ich noch kein Jahr in Brühl wohne, fühle ich mich schon derart wohl, dass ich einen gewissen Lokalpatriotismus entwickelt habe. Daher fand ich es sehr schade, dass ich die alte Brauerei samt Original-Bier nicht genießen konnte. Nichtsdestotrotz bin ich mit der Neufassung des Giesler auch recht zufrieden. Ich denke es wird ab und zu durchaus auch mal wieder den Weg in den Einkaufswagen finden. Nicht nur aus lokalpatriotistischen Sentimentalismus, sondern tatsächlich auch wegen des fast sehr guten Geschmacks erteile ich dem Giesler-Kölsch summa sumarum 12 Pkt. bzw. eine 2+.

23_Giesler Kölsch-Bewertung

Mehr Informationen zum Brühler Urgestein gibt es neben der oben genannten Seite auch unter: http://www.koelsch-net.de/koelsch-net/index.htm

Das bis in die 1950er Jahre hinein gebraute Giesler Bräu wurde im Übrigen letztes Jahr wiederbelebt und wird von Dom erneut vertrieben.

Dass es aber auch ganz anders gehen kann zeigt ein prominentes Beispiel: Seit 1976 wird das in Köln und darüber hinaus bekannte Kabänes in Brühl-Ost hergestellt. Außerdem besteht mit der Bischoff-Brauerei im äußersten Norden Brühls die letzte Brühler Kölsch-Bastion, die noch nicht aufgekauft wurde.

Prost!