265. 100 Jahre Oktoberrevolution – Biere in Russland – Bierverkostung November

Poltova Bochka Nefiltrovannogo | Baltika 4 Original | Baltika 6 Porter | Courage Imperial Russian Stout | Brokantie Sour Saison | Saison de Dottignies | Pastor’ale 

Vor genau einer Woche stand wieder mal die inzwischen zum Glück zur regelmäßigen Veranstaltung vieler Bierbegeisterter aus Brühl und Umgebung gewordene Bierverkostung in der Kierberger Eule an. Thema diesmal: 100 Jahre Oktoberrevolution in Russland. Nun man sich fragen, warum das denn ein Thema für den November ist, wo es doch Oktober-Revolution heißt. Doch der Termin passt schon ganz gut. Schließlich fällt die Datierung dieses historischen Ereignisses in unserem heutigen (gregorianischen) Kalender auf Anfang November. Da aber das damalige Zarenreich noch den julianischen Kalender in Verwendung hatte ergibt sich eine Verschiebung um 14 Tagen, in denen genau der Monatswechsel fällt.

Der Oktoberrevolution, die den endgültigen Sieg der Sowjets mit der Installation der Union sozialistischer Sowjetrepubliken zementierte, gingen zwei weitere Revolutionen voraus. So ging bereits 1905 aus der damaligen Hauptstadt St. Petersburg die ersten revolutionären Unruhen aus, die jedoch noch blutig von zarentreuen Truppen niedergeschlagen wurden. 12 Jahre später im Februar (bzw. März) hatte der Zar den Widerständlern jedoch nichts mehr entgegenzusetzten und es folgte der Sturz der Monarchie im Rahmen der Niederlage gegen das deutsche Kaiserreich im ersten Weltkrieg. Die Macht übernahmen zunächst liberale und sozialistische Kräfte gemeinsam, ehe im Oktober (bzw. November) desselben Jahres die liberalen ebenfalls gewaltsam verdrängt wurden.

Das russische Bier wurde zwar nicht gewaltsam verdrängt, hat es aber trotzdem traditionell etwas schwieriger auf dem dortigen Markt. Wie auf der Karte unten erkennbar spielt vor allem Wodka die bedeutendste Rolle im Absatz alkoholischer Getränke. Doch auch das Bier holt im größten Land der Erde immer mehr auf, sodass es sich definitiv lohnt einmal einen Blick (oder vielmehr einen Schluck) drauf zu werfen. Schließlich gilt es dort seit 2011 auch als vollwertiges alkoholisches Getränk.

Vor der eigentlichen Verkostung ging es erst einmal weiter im Kölsch-Projekt, bei dem Markus bis 2019 (da wird die Kölsch -Konvention 33 Jahre) alle Kölsch vorgestellt und durchprobiert haben will. Diesmal stand das Sion-Kölsch an. Heute zum Haus der Kölschen Brautradition und somit zur Radeberger-Gruppe gehörend, hat es eine bedeutende Geschichte hinter sich. Nach dem zweiten Weltkrieg – als es nur noch zwei aktive Brauereien in Köln gab – entschied sich Hans Sion seine Brauerei nicht mehr in Betrieb zu nehmen, sondern es via Lohnbrauverfahren extern brauen zu lassen. Das Brauereigebäude wurde hingegen nach altem Vorbild wieder aufgebaut, jedoch nur noch als Gaststätte genutzt. Die dadurch gewonnene Zeit nutzte Sion um das Kölsch-Bier zu seiner heutigen Kölner Popularität zu verhelfen. Er vernetzte sich, fuhr durch die ganze Stadt, sprach mit Brauern und Wirtsleuten und organisierte Veranstaltungen zur Bewerbung und Vermarktung des damals noch recht neuen Kölsch. Nachdem dann der Kölsch-Boom in den 1960ern eingesetzt hatte, wirkte Sion auch entscheidend an der Aufstellung der Kölsch-Konvention 1986 mit.

Danach ging es dann aber los mit den russischen Bieren, die freundlicherweise Markus‘ Frau aus dem russischen Mix-Markt in Euskirchen eingekauft hatte. Den Anfang macht das Poltova Bochka Nefiltrovannogo Kellerbier aus dem ostukrainischen Hadjatsch. Zum Bier oder der Brauerei lässt sich selbst recht wenig herausfinden, da diese zumindest im Netz nur Infos auf kyrillisch anbietet. Es kommt zumindest jedoch aus dem Land, aus der auch die erste kommerzielle russische Brauerei eröffnete: der Ukraine.

Persönlicher Eindruck:
leicht säuerlich, süßlich, weich, malzig, wenig Frucht
würzig, ein bisschen Brauhauscharakter, etwas gemüsig, süßlich, mittlerer Körper, matt

Das nächste Bier kam von einer ungleich bekannteren russischen Brauerei – und zwar der größten des Landes. Und diejenige mit dem größten Exportanteil. So ist Baltika inzwischen auch in einigen gut sortierten Getränkemärkten, online oder aber auf Bierfesten zu haben. Während man das klassische helle Lager gemein hin kennen dürfte stellte Markus zwei wesentlich typischere russische Bierstile vor. Zum Einen das Wiener Lager. Zunächst ein Widerspruch, ist Wien doch die Hauptstadt Österreichs, zeigt die Historie jedoch, dass Wiener Lager weitaus größere Beliebtheit im ehemaligen Zarenreich erfuhren als im Habsburger Lande. Bis heute ist es neben den weltweit führenden einförmigen Lagern einer der meist getrunkensten Bierstile Russlands.

Persönlicher Eindruck:
sehr karamellig, sehr malzig, leicht röstig
spritzig, kara-süß, leicht würzig, Lakritz, süßer Abgang, vollmundiger

Zum Anderen das Porter. Genauer gesagt das baltische Porter, das im Gegensatz zum britischen Porter meist untergärig gebraut wird. In Russland hingegen wird es aus alter Verbundenheit mit der britischen Krone ebenfalls obergärig – aber trotzdem möglichst kühl – gebraut. Bereits unter Zarin Katharina wurden in der russischen Oberschicht besonders viele englische Biere getrunken. Gehalten hat sich das bis heute, so ist neben dem Wiener Lager das Porter ebenfalls sehr beliebt im westlichen Osten. Man beachte in beiden Bieren übrigens auch den Roggenmalzanteil. Baltika ist dabei ein Paradebeispiel sozialistischer Gründungs- und Aufbaumentalität. So erfolgte 1978 der Beginn des Baus der Brauerei. Doch erst 12 Jahre später 1990 konnte es eröffnet werden und wurde kurze Zeit später auch privatisiert und gehört heute zum Karlsberg-Konzern.

Persönlicher Eindruck:
sehr lakritz-süß, wenig malz-würzig
trocken-süß, Lakritz+Karamell, etwas röstig & bittere Untertöne, alkoholaromatisch

Das letzte Bier der offiziellen Verkostung war ebenfalls ein wahrer russischer Klassiker: DAS Russian Imperial Stout. Ebenfalls ein Beleg der bierigen Verbindung der beiden auch verwandtschaftlich verknüpften Monarchien aus Russland und England. So war es die ehemalige Anchor Brewery aus London (nicht zu verwechseln mit der heutigen Anchor aus San Fransisco) die unter dem Namen Courage, Barcley & Co. Ltd. 1781 das erste Imperial Stout für Russland brauten. Bis heute gilt es als das stilbildende Bier für diesen Bierstil. Zwar gibt es die Courage Brewery heute nicht mehr, dafür wird das Bier von Marston’s weiter gebraut und vertrieben. Übrigens: Courage war Anfang des 19. Jahrhunderts einmal die größte Brauerei der Welt. Übrigens, die 2.: Das von Markus angebotene Bier war Jahrgang 2013. Auf den ersten Blick also „abgelaufen“ oder Vintage, ist es sogar aber fast zu frisch. Schließlich wird für dieses Bier eine Lagerung von 7-8 Jahren vor der Öffnung empfohlen.

Persönlicher Eindruck:
sehr süß, karamellig, Lakritz, matt, trocken-malzig, spritzig
Kaffee, Schokolade, sehr vollmundig, röstig, ölig, alkoholaromatisch, leicht weinig
-> „Die Antithese zum Kölsch!“

Meine persönliche Gesamtwertung der Biere der Biere aus der „offiziellen“ Verkostung sieht unter Nicht-Berücksichtigung des Kölsch dann wie folgt aus:

Interessant ist im Rahmen der russischen Biergeschichte auch, dass die weltweit anerkannten Bierstilnamen während des kommunistischen Sozialismus (oder sozialistischen Kommunismus) umgetauft wurden. So wurde zum Beispiel aus dem Münchner Dunkel das Ukrainskoe und aus dem Pilsner wurden je nach Alkoholgehalt gleich drei unterschiedliche Biernamen: Russkoe, Moskovskoe oder Leningradskoe:

Im Anschluss an die „offizielle“ Verkostung proBierten wir dann noch folgende Biere in der Runde:

  • Brokantie Sour Saison:
    – obergärig; 5,3%
    – von der Kreativbrauerei Orca aus Nürnberg
    – sehr säuerlich, feinperlig, wenig Körper, geringer Abgang
    http://www.orcabrau.de/

  • Saison de Dottignies:
    – obergärig; 5,5%
    – aus der Brasserie De Ranke in Dottignies (Dreiländereck Frankreich-Flamen-Wallonien)
    – leicht säuerlich, etwas süßlich & Gewürzig, trocken, herb

    https://www.deranke.be/en/bier/saison-de-dottignies

  • Pastor’ale:
    – obergärig; 8,5%
    – Tripel der Brouwerij van Steenberge aus dem flandernschen Ertvelde
    – aus Gersten-, Weizen & Hafermalz

    – gewürzig, säuerlich, süßlich, weich, kein Karamell, feinperlig, lecker
    https://www.vansteenberge.com/en/

Vielen Dank also nochmals an Markus für den interessanten Abend.
Mit voller Vorfreude auf die kommenden Verköstigungen – von denen ich selbstverständlich wieder berichten werde – verabschiede ich mich in den Abend.

Weitere Informationen zur Eule, zu den Aktionen und zum Biersommelier Markus Weick unter: http://wordpress.99biere.de/

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