12 Apostel Frankfurt/Main

Am letzten Dienstag war ich beruflich in Fankfurt am Main unterwegs. Vor meiner Abreise nutzte ich noch schnell die Gelegenheit um Frankfurts erste Hausbrauerei zu besuchen und natürlich auch das hauseigene Bier zu verkosten.

Auch wenn nicht ganz herauszufinden war, seit wann das 12 Apostel besteht, ist es von der Location eines der wohl urigsten Brauhäuser, die ich je gesehen habe. Nachdem man durch den Haupteingang den ebenerdig gelegen Gastraum betritt fühlt man sich zunächst an ein traditionell deutsches Restaurant erinnert. Erst wenn man die Treppe hinab in den Keller steigt trifft einem die volle Urigkeit. In dem etwas dunklen Raum befinden sich noch Bar und weitere Tische sowie ein wirklich gelungenes historisches Interieur mit vielen alten Details.

Doch nicht nur das Ambiente wusste zu überzeugen, auch die beiden klassisch deutschen Manufaktur-Biere waren den Besuch definitiv wert:

  • Hell:
    – sehr guter Hausbrau-Stil
    – schön malzig, würzig, leicht hefig, süffig, spritzig
  • Dunkel:
    – sehr guter Hausbrau-Stil
    – sehr karamellig, süßlich, weich, etwas größerer Körper, matt

Wer also auch mal im Mainschen Frankfurt weilt oder als Frankfurter noch nie dort gewesen ist, sei durchaus zu empfehlen hier mal vorbei zu schauen. Auch wenn die Historie der traditionellen Braukunst nicht so ganz erklärt ist, kann man hier klassisches deutsches „Craft-Bier“ im ursprünglichen Sinne hautnah erleben.

Weitere Infos zum Brauhaus unter: http://www.12aposteln-frankfurt.de/index.php.

Prost!

277. Beliebteste Biere 2017 – Bierverkostung Dezember

Päffgen Kölsch | Glückauf Bock | Westvleteren 12 | Augustiner Oktoberfestbier
 

Das Jahr nähert sich dem Ende und es beginnt die Zeit Resumée zu ziehen. Auch aus bieriger Hinsicht. So gab es zum Jahresabschluss nochmal einen richtigen Kracher in der Brühler Eule: Das Best of 2017 stand an und es schickten sich über 50 Leute an um diesem bierigen Ereignis beizuwohnen – ein absoluter Rekord für die Eule und die Montagsverkostungen vom Biersommelier Markus Weick, die im Übrigen zum 25. Mal stattfanden.

Vor der eigentlichen Verkostung ging es erst einmal weiter im Kölsch-Projekt, bei dem Markus bis 2019 (da wird die Kölsch -Konvention 33 Jahre) alle Kölsch vorgestellt und durchprobiert haben will. Passend zum Best of 2017 stand diesmal das beliebteste (deutsche) Kölsch auf ratebeer.com auf dem Programm: Päffgen. 1883 gegründet befindet es sich immer noch in Familienhand und ist in der Nähe vom Friesenplatz beheimatet. Mit etwa 6.000 hl jährlichem Ausstoß gehört es zu den kleinen Kölschmarken, die jedoch (vielleicht aufgrund der Limitierung und handwerklichen Brauart) stets beliebt sind. Besonderheit ist außerdem, dass das Kölsch mindestens drei Monate gelagert und in traditionellen Holzfässern abgezapft wird. Da es das Kölsch ausschließlich im Fass gibt und nicht in Flaschen gibt, stellte es somit eine kleine Herausforderung für die Montagsverkostung dar. Aber Markus hat keine Mühen gescheut und hat ein 10l-Fass vor Ort erstanden und nach Kierberg gebracht.

Persönlicher Eindruck:
hoher Malzcharakter, dezent aber schmeckbare Hopfennoten, geringe Bittere, weich & schlanker Körper, wenig Rezens, leicht würzig, hefig obergärig, fassbierig, süffig

Übrigens gab es neben dem Stammhaus auch bis vor etwa 10 Jahren auch einen Standort in der Altstadt. Das Altstadt-Päffgen wurde inzwischen aber von einem Päffgen-Sohn übernommen und als Brauhaus zum Pfaffen umgewandelt. Anstatt Päffgen wird nun das in Lohmar gebraute Pfaffen-Bier ausgeschenkt.

Danach ging es weiter mit den beliebtesten Bieren des Jahres. Dabei ist „beliebt“ immer auch Definitionssache. Neben ratebeer.com als globalem Bewertungsmaßstab hat Markus natürlich auch wieder die Bewertungen von den monatlichen Biermontagen herangezogen. Nachdem 2016 noch das Augustiner Hell die beste Bewertung erhielt, bekam dieses Jahr das Tegernseer Hell die meisten Biermontagspunkte. Auch insgesamt bestätigte sich, dass helle wenig hopfenbetonte Biere den Geschmack der Eulenbesucher trifft. Da das zweitplatzierte Weltenburger Anno 1050 jedoch besser zur aktuellen Jahreszeit passt, wählte es Markus für das Best of aus. Es wurde im Rahmen der Februar-Verkostung „Klosterbiere“ vorgestellt und kam auch bei mir sehr gut an.

Es ging weiter mit dem besten internationalen Bier der Montagsverkostungen. Mit durchschnittlich 1,13 von maximal 2 Pkt. ging hier der Sieg an das Blond von La Trappe. Das Trappistenbier war Bestandteil der März-Verkostung zum Thema „Belgische Abteibiere“ und war dort auch von mir auf Platz 1 gesetzt worden.

Im Anschluss blieben wir in Belgien,  aber nicht mehr bei einem der besten Biere. Wer bei der März-Verkostung dabei war, wird sich aber zweifelsohne an die großen St. Feuillien-Flaschen erinnern. Damals nur als „Ausstellungsstück“ präsentiert wurde nun die 9l-Salmanazar-Flasche (als beliebteste Flasche des Jahres) geöffnet und in die über 50 Gläser verteilt.

Das letzte Bier der offiziellen Verkostung kam dann aus der Kategorie „ausgezeichnete Biere“. Bei einem heutzutage recht großem Aufgebot an Preisverleihungen und Auszeichnungen ist es hier jedoch nicht immer einfach den Überblick zu behalten und aussagekräftige sowie belastbare Titel herauszufiltern. Markus hatte sich dabei für den Meininger-Craft-Beer-Award entschieden und eines der in diesem Jahr mit Platin ausgezeichneten Biere ausgewählt. Nachdem der bisherige Abend recht hell dominiert war, wählte er für den Abschluss zur Abwechslung ein dunkles Bier. Das dunkle Bockbier der Glückauf-Brauerei aus dem sächsischen Gersdorf (zwischen Chemnitz und Zwickau gelegen) ist eben nicht nur mit Platin ausgezeichnet, sondern entstammt auch einer der wenigen Brauereien, die den DDR-Kommunismus überlebt haben. Die 1880 gegründete Brauerei wurde wie alle anderen auch in den 1960ern zwangsverstaatlicht und wurde nur aufgrund guter Absatzzahlen 1990 von der Treuhand wieder in eine GmbH umgewandelt.

Persönlicher Eindruck:
– dumpf-karamellig, getreidig-süß-malzig, frisch
– getreidig, malzig, trocken-süßlich, etwas Lakritz, vollmundig

Die Besten der Besten:
Meine persönliche Gesamtwertung der „offiziellen“ Best-of-Verkostung sieht dann wie folgt aus:

Das meistverkaufte Bier der Eule in diesem Jahr war übrigens das bestbewerteste aus dem letzten: Augustiner Hell. Damit verdrängte es den bisherigen Absatzführer Weltenburger Barock Dunkel. Den Preis für das umstrittenste Bier ging an Hövels Original – ein Dortmunder Altbier, während das ukrainische Poltava Bochka Nefiltrovannogo am einheitlichsten bewertet wurde. Aufgrund der neuen Kölsch-Reihe konnte im Übrigen auch eine positive Korrelation zwischen den Biermontagsbewertungen und denen auf ratebeer.com erzielt werden. Man kann also sagen, das Kölsch-Expertewissen des Kölner Umlandes gleicht die etwas andere Meinung von anderen Bierstilen aus.

Im Anschluss an die „offizielle“ Verkostung gab es dann noch einen weiteren Spitzenreiter: Das Westvleteren 12. Zwar ist das Bier in diesem Jahr erstmals nicht mehr offiziell auf Rang 1 der Gesamtbierwertung auf ratebeer.com, hat aber im Vergleich zum neuen Tabellenführer zehnmal so viele Bewertungen erhalten und ist somit repräsentativer. Das Bier ist nicht nur deshalb besonders: Wie alle Biere der klösterlichen Trappistenbrauerei wird es stets nur in begrenztem Umfang gebraut und verkauft. Um an das 12 zu kommen, muss man zunächst einen Termin bei der Brauerei vereinbaren, zu dem man das Bier vor Ort abholen kann. Für diesen zweistündigen Korridor meldet man sich mit seinem Kennzeichen an, mit welchem man das Bier (max. 2 Kisten pro Kfz) abholen möchte. Bei Abholung muss man sich dann mit Telefonnummer und Kennzeichen verifizieren und kann das rare Gut einpacken. Einmal abgeholt ist man erst einmal für die nächsten Monate gesperrt um anderen Interessenten die Möglichkeit zu geben. Zum Anderen verpflichtet man sich das Bier nicht weiter zu veräußern, weshalb es im „normalen“ Bierfachhandel praktisch nicht zu bekommen ist. Und da sich auch Markus dem verpflichtet hat, gab es eine runde des wohl besten Freibieres des Jahres.

Persönlicher Eindruck:
– sehr karamellig, Lakritz, alkoholaromatisch, hölzern
– sehr sehr süßlich, alkoholaromatisch nach Whisky, leicht würzig & nach Lakritz, trocken, weich

Zudem hatte ich Ralf vom Braukunst Vorgebirge noch die letzte Flasche Augustiner Oktoberfestbier mitgebracht, die ich Markus bei der Frankreich-Verkostung abgekauft hatte, sodass wir dieses im Rheinland recht seltene Bier gemeinsam verkosten konnten. Gerne möchte im Zuge dessen auch für seine Braukunst werben, die regionale und besondere Bierspezialitäten hervorbringt und in dessen Rahmen er auch Braukurse gibt.

Persönlicher Eindruck:
– festlich, würzig, weich, spritzig
– süffig, würzig, malzig, getreidig

Am Ende des Abends wurde es dann nochmal emotional als Markus das scheidende Pächterpaar Kalle und Heidi verabschiedete, da diese sich Anfang des kommenden Jahres aus der Eule zurückziehen werden. Wer also Interesse hat eine traditionelle Veedels-Kneipe zu betreiben und mit Markus das Bierthema weiterzuentwickeln darf ihn sehr gerne kontaktieren.

Vielen Dank also nochmals an Markus für den interessanten Abend und das tolle zurückliegende Bierjahr.
Mit voller Vorfreude auf die kommende Verköstigung im Februar zum Thema „Originale der Bierszene“ – von der ich selbstverständlich wieder berichten werde – verabschiede ich mich in den Abend.

Weitere Informationen zur Eule, zu den Aktionen und zum Biersommelier Markus Weick unter: http://wordpress.99biere.de/

276. La Socarrada Er Boquerón

Am heutigen Nikolaustag konnte ich zwar kein Nikolausbier organisieren, was es ja durchaus gibt, dafür präsentiere ich ein Bier, was das erste und eines der sehr wenigen seiner Art ist.

Im Rahmen meiner Jahresreihe zu alternativen Getreiden oder anderen natürlichen Zutaten habe ich in den letzten Monaten viele spannende Biere proBiert, die allerlei interessante Ingredienzien wie Früchte, Gemüse oder Kräuter enthielten. Außer acht gelassen habe ich dabei eine Zutat des Reinheitsgebotes, welche gemein hin als völlig selbstverständlich hingenommen wird. Sie ist jedoch für das Bier essentiell und auch wesentlich für den grundsätzlichen Biergeschmack. Brauereien sind seit jeher nur an solchen Orten entstanden, die einen guten Zugang zu dieser Ressource boten. Und je nach Härte und Qualität kann es das Bier sogar auch ungenießbar machen. Die Rede ist von: Wasser.

Doch das Besondere am heutigen Bier ist, dass es sich hierbei nicht um gewöhnliches Quell-, Brunnen oder Leitungswasser also Süßwasser handelt, sondern in Teilen mit salzigem Meerwasser gebraut wurde. Neben einigen Forschungsprojekten ist es das erste und einzige mir bisher bekannte Bier weltweit dieser Machart, dass kommerziell vertrieben wird.

Gebraut wird es von La Socarrada – einer der erfolgreichsten „Craft-Brauereien“ Spaniens, die einen Umsatz von etwa 2 Mio. Flaschen pro Jahr vorweisen kann. Neben dem Hauptsitz in der spanischen Provinz Valencia betreibt sie als einzige spanische „Craft-Brauer“ auch eine weitere Brauerei im Ausland – und zwar in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Golden Ale
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Meerwasser, Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 4,8%
Herkunft. . . . . . . . . . . Xativa / Spanien
Erscheinungsjahr. . .
2013

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___10
  • Aussehen:____________________11
  • Geruch:______________________12
  • Geschmack:__________________11
Fazit

Geruch: säuerlich-süß, leicht fruchtig nach Orange, Kiwi & Ananas, seichte Malznoten
Geschmack: weich, mittelgroßer Körper, recht süffig, leicht hefig-würzig-sauer, dumpf-malzig, kaum herb, leicht süßlicher Abgang
Gesamt: Interessant. Zwar hätte ich durch das Meerwasser eine salzigere Note erwartet, die äußert sich wahrscheinlich aber in der leicht säuerlichen Grundtendenz. Auch die Balance aus Hopfen und Malz gefällt mir gut. Insgesamt im Vergleich zu anderen Bieren mit speziellen Zutaten natürlich dezenter, aber deshalb auch massentauglicher. Ich würde in jedem Fall aber sagen: Bier ahoi! Mir schmeckt´s und ich finde es eine gute Idee für alle Küstenbrauereien. In Punkten heißt das 11,5 Pkt. (2(+)).

Weitere Infos zum Bier unter: http://www.erboqueron.com/.

Prost & Danke!

275. Maisel & Friends Juicy IPA

Gestern erreichte mich etwas überraschend wieder einmal eine Bierlieferung aus Bayreuth. Drin befand sich das neueste limitierte Bier von Maisel & Friends, welches auf den  ersten Blick so gar nicht in die aktuelle Jahreszeit passen will:

„Mit unserem neuesten Limited-Beer brechen wir mit den jahreszeitlichen Konventionen. Im Sommer trinkt man fruchtig und frisch – im Winter darf es hingegen dunkel und malzig sein? Weit gefehlt! Wir dachten uns: Lasst die alten Gewohnheiten beiseite und holt mit dem richtigen Bier die unbeschwerten, lauen Sommerabende zurück.“

Schließlich enthält das India Pale Ale mit Chinook, Citra, Amarillo, Simcoe, Mosaic und Mandarina Bavaria gleich 6 verschiedene teils kräftig aromatische Hopfensorten. Nicht nur als Kontrastprogramm zum aktuell sehr schmuddeligen Wetter, sondern auch zu meinem gestrigen sehr röstigen Bier kann ich der Idee durchaus etwas abgewinnen. Gerade als Vorbeugung vor den typischen winterlichen Erkältungskrankheiten soll man schließlich viel Obst (und somit viel Vitamine) zu sich nehmen. Als Verfechter alternativer Getreide bin ich zudem vom verwendeten Hafermalz angetan, dass dem Bier hoffentlich eine weiche runde Note verleihen wird.

„Ein fruchtiger Hopfentropfen aus unserer Brauwerkstatt. Cremig-trüb verzaubert er dein Hopfenherz und bombardiert deine Sinne.“

Bierigen Dank also erneut an Eva Ploß und die anderen Freunde von Maisel für die tolle Bierüberraschung. Wer sich das limitierte Bier ebenfalls sichern möchte kann es solange der Vorrat reicht über den Onlineshop ordern.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . IPA
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gersten-, Weizen- & Hafermalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . .  14.8°P
Alkoholgehalt. . . . . . 7,2%
Herkunft. . . . . . . . . . . Bayreuth
Erscheinungsjahr. . .
2017

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___13
  • Aussehen:____________________12
  • Geruch:______________________13
  • Geschmack:__________________11
Fazit

Geruch: FRUCHTIG! nach Orange, Maracuja, Ananas, Mango, Limette, Zitrone & Rhabarber, ganz leichte weiche Malzuntertöne, sehr frisch
Geschmack: spritzig, recht bitter, tropisch-fruchtig, kaum Malz, nicht weich, mittelgroßer Körper, trocken-fruchtiger Abgang
Gesamt: Während der nasale Eindruck noch vor lauter Frucht fast überfordert ist, kommt es auf der Zunge leider nicht zu der Fruchtexplosion, die ich erwartet oder erhofft hätte. Sicher geht jede Fruchtigkeit auch immer mit einer gewissen Bitterkeit einher, letztere stellt sich hier jedoch für meinen Geschmack zu sehr in den Vordergrund. Auch ist mir der Gesamteindruck insgesamt zu unrund. Gerade in diesen Tagen wohl aber genau das richtige, um sich nochmals für die noch kälteren und nassen Tage fit zu machen. Summa summarum von mir also 11,5 Pkt. (2(-)).

Weitere Infos zum Bier unter: http://maiselandfriends.com/biere/limited/juicy-ipa/.

Prost & Danke!

274. Giesinger Wheat Stout

Mit dem heutigen Bier geht ein Vertreter der Brauerei ins Rennen, die die sich vehement beworben hat meine Brauerei des Jahres zu werden. Nicht nur stammt das derzeit zweitplatzierte Bierjubiläum-Bier aus 2017 aus dem Hause Giesinger, auch die 2003 gegründete Münchner Brauerei selbst qualifiziert sich in hohem Maße für diesen Titel. Dabei setzt sie folgende Gebote an:

Die Giesinger Gebote – Mir san Bier!

  • Unsere Biere sind unfiltriert und nicht thermisch behandelt.
    >>> insbesondere letzteres ist nicht selbstverständlich
  • Bei den Rohstoffen legen wir höchsten Wert auf Qualität und Herkunft. Wir verwenden beispielsweise nur besten Hallertauer Hopfen.
    >>> gut, das sagen/schreiben viele…
  • Auch beim Produzieren legen wir großes Augenmaß auf die Brautradition. Deshalb kommen bei uns beispielsweise statt der üblichen Edelstahltanks vier große, offene Gärbottiche für die Hauptgärung der obergärigen Biere zum Einsatz.
    >>> handwerkliche Braukunst ist eben nicht nur eine Sache der Größe, sondern auch des Brauprozesses
  • Wir sind eine Münchner Brauerei und konsequenterweise verzichten wir auch auf den Export unserer Biere. Dafür müssten wir Einschränkungen (z.B. eine längere Haltbarkeit) hinnehmen, die unserer Auffassung vom Brauen widersprechen.
    >>> auch wenn sicher einige Bierstile auch natürlich haltbar gemacht werden können, ist das nachvollziehbar
  • Wir stellen traditionelle und althergebrachte Biersorten her: Helles, Weißbier, Dunkles, Märzen und Bock (und gaaanz selten auch mal ein paar  Experimente).

Zum Glück sind diese Experimente inzwischen gar nicht mehr so selten und so wird sich auch das heutige Stout dem Biertest stellen müssen. Dabei steht es ein wenig unter Druck dem guten Ruf des Hauses auch gerecht zu werden. Da ich grundsätzlich Fan der dunklen Bierstile bin und erfreut feststellen darf, dass hier auch Weizenmalz eingebraut wurde wird dieser Druck nicht gerade kleiner.

Sind wir also gespannt, ob die #2 nun Konkurrenz aus dem eigenen Hause bekommt…

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Stout
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gersten- & Weizenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . .  11.5°P
Alkoholgehalt. . . . . . 4%
Herkunft. . . . . . . . . . . München
Erscheinungsjahr. . .
2015

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___14
  • Aussehen:____________________8
  • Geruch:______________________7
  • Geschmack:__________________5
Fazit

Geruch: sehr sehr sehr stark röstig & schwarz, leicht rauchig-kohlig, würzig
Geschmack: ebenfalls sehr röstig, fast nach Kohle, voller Körper, klar, matt, bitter-trockener Abgang
Gesamt: Hoppla! Entweder es ist ein Montags-Bier oder bei Transport oder Lagerung ist einiges schiefgelaufen. Anders kann ich mir diesen „Ausrutscher“ nicht erklären. Selbst für ein Stout viel zu röstig und fast schon kohlig, zu wenig cremig und weich und insgesamt auch zu eindimensional. Es muss also 1. festgehalten werden, dass das Rye Porter nicht um seinen Platz bangen muss und 2. dass selbst eine sehr gute Brauerei mal sehr daneben liegen kann. Mehr als 6 Pkt. (4+) kann ich dafür dann nicht geben.

Weitere Infos zur Brauerei unter: http://www.giesinger-braeu.de/.

Prost!

273. Herrnbräu Zwickl

Nach kurzer Pause möchte ich mich pünktlich zum Wochenende mit einem Bier zurückmelden, dass sowohl zum Bierjubiläum als auch zu einem aktuellen Trend passt. So haben insbesondere die großen deutschen Brauereien erkannt, dass der Biermarkt immer diversifizierter wird und ihnen Jahr für Jahr von neuen kreativen und handwerklichen Brauereien Marktanteile abgenommen werden. Um die oft spärliche Produktpalette aufzubessern erschienen in den letzten Jahren immer öfter sogenannte Keller- oder Zwickel-Biere der Großbrauereien. Diese sollten den Anschein von einem Manufaktur-Bier erwecken, dass in händischer Kleinstarbeit gefertigt wurde. Die Realität sieht wohl aber oft ganz anders aus. Im Gegenteil wirkt es eher wie der verzweifelte Versuch bewusster gewordene Kundengruppen zurück zu gewinnen. Das heutige Herrnbräu Zwickl schließt sich zwar zeitlich diesem Trend an, dürfte aber qualitativ hochwertiger sein. So ist die bis ins Jahr 1882 zurückreichende Brauerei mit 210.000 hl eine vergleichsweise kleine Brauerei, die sich bereits in der Vergangenheit durch eine bayrisch geprägte Produktvielfalt hervorgetan hat und bis heute privat geführt wird. Und da dieses Zwickl auch noch aus der Herkunftsstadt des Reinheitsgebotes kommt, war ich für die heutige Vorstellung überzeugt.

Übrigens: Der Name „Zwickl“ leitet sich vom Probehahn des Biertankes ab, mit dem der Braumeister regelmäßig testete, wie sich das Bier im Bierfass entwickelt. Diese Proben waren meist sehr trüb von den abgesetzten biereigenen Schwebstoffen, sodass heutige (untergärige) Biere, die keine Filtration erfahren haben, gerne als Zwickl bezeichnet. Dabei enthalten diese neben den restlichen Hefeteilchen auch noch wertvolle Eiweiße aus den Malzrückständen.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Zwickel
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 5%
Herkunft. . . . . . . . . . . Ingolstadt
Erscheinungsjahr. . .
2017

Bewertung

 

  • Flaschendesign + Kronkorken:___13
  • Aussehen:____________________9
  • Geruch:______________________9
  • Geschmack:__________________10
Fazit

Geruch: leicht industriell, weich, hell-malzig, leicht fruchtig, würzig
Geschmack: sehr weich, vollmundig, reichhaltig, hefig, herb gehopft, leicht bitter, wenig Malz, feinperlig, trocken-herber Abgang
Gesamt: In der Tat eines der besseren Kellerbiere, wenngleich auch mit einigen Defiziten (leicht industrieller Geruch, etwas unrunder Geschmack). Von einem bayrischen Bier hätte ich nur eine etwas stärkere Hefeprägung und einen dominanteren Malzkörper erwartet; ansonsten überrascht das Zwickl mit einem insgesamt reichhaltigen Inneren. In Summe glaube ich verdiente 10 Pkt. (2-).

Weitere Infos zum Bier unter: http://www.herrnbraeu.de/de/herrnbraeu/bierspezialitaeten/zwickl.html.

Prost!

272. The Monarchy Methusalem Johannisburger

Nach dem gestrigen Highlight soll heute gleich der nächste Kracher folgen. Ähnlich wie das gestrige traditionelle Gewürzbier nach uraltem gutem Rezept, beruht das heutige Bier auf einen fast ausgestorbenen Bierstil: Dem Dortmunder Adambier. Dabei handelt es sich um ein säuerliches rauchiges Altbier mit deutlich mehr Stammwürze und Alkoholgehalt als ein heute übliches Düsseldorfer oder Münster Alt. Beim vorliegenden Adam wurden zusätzlich noch rote und schwarze Johannisbeeren (als Saft) hinzugefügt.

Auf einem Etikett von 1864 steht folgende Beschreibung des Bieres:

„Das Adambier ist ein sehr kräftiges, dabei aber mild und angenehm schmeckendes, weinartiges Getränk; es hat in der Regel bei der Versendung schon ein Alter von zwei Jahren, kann ferner dann noch jahrelang aufbewahrt werden und wird durch das Lagern immer besser. In geringem Maße genossen, ist es ein ganz vorzügliches Getränk für schwache, entkräftete Personen.“

Leider wurden die Rechte an der Bezeichnung Adambier von der reaktivierten Dortmunder Bergmann-Brauerei gesichert, sodass hier auf den Namen Methusalem ausgewichen werden musste. Dieser bietet dafür aber auch seine eigene Geschichte:

„You can save this beer for 969 years just like Methusalem, the oldest person to live according to the bible.“

Gebraut wurde es in Federführung eines der Kreativköpfe der deutschen Craftbier-Szene: Sebastian Sauer von Freigeist Bierkultur. Unter der Marke „The Monarchy“ vertreibt der Stolberger seit einigen Jahren schon historische Bierstile. Gebraut in der Zentrale vieler Kuckucksbrauer der Vormann-Brauerei in Hagen-Dahl ist das Bier nicht nur eine absolute Rarität, sondern auch pure Geschichte in flüssiger Form. Stellt sich also nur noch die Frage, ob es auch diesmal gilt:

„Natürlich geht mehr?“

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Adambier
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Johannisbeeren, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 8%
Herkunft. . . . . . . . . . . Köln [Hagen]
Erscheinungsjahr. . .
2014

Bewertung

 

  • Flaschendesign + Kronkorken:___14
  • Aussehen:____________________13
  • Geruch:______________________12
  • Geschmack:__________________12
Fazit

Geruch: sehr fruchtig-säuerlich, neben Johannisbeere auch Limette, Granatapfel & Erdbeere, rauchig, leicht würzig
Geschmack: weich, säuerlich, rot-fruchtig, weinartig, ohne Rezens, recht süffig, ganz leicht rauchig, trocken-saurer Abgang
Gesamt: Natürlich geht mehr! Was ein Kracher! Ein Adambier ist schon selten genug, aber eines, dass mehr an einen Rotwein denn ein Bier erinnert ist wohl einmalig weltweit. Auch wenn es leider meinen Biergeschmack nicht voll ins Schwarze trifft, ist es dennoch unfassbar spannend und herausragend vielseitig. Qualitativ enorm gut gelungen, zeigt es einmal mehr, welche geschmackliche Bandbreite Bier abdecken kann (auch wenn hier natürlich mit Früchten nachgeholfen wurde). Definitiv eines der interessantesten Biere, die ich je trinken durfte und eigentlich nur für besondere Abende geeignet. Mit 13 Pkt. (1-) auch in Summe Spitze und unbedingten empfehlenswert für alle, die sich nicht zwischen Bier und Rotwein entscheiden können.

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.bierlager.de/Sorten/Altbier/The-Monarchy-Methusalem-Johannisburger.htm?SessionId=&a=article&ProdNr=b00453&p=695.

Mehr Infos zum Adambier: http://harte-arbeit-ehrlicher-lohn.de/die-sorten/adam-bier/demnachst-in-dieser-brauerei/.

Prost!

271. Deutsche Kreativbrauer Kreativsud #1

Am 23. April diesen Jahres – also dem Tag des deutschen Bieres, da sich dann die Proklamation des „Reinheitsgebots“ jährt – konstituierte sich der Verein der deutschen Kreativbrauer. Selbstverständlich berichtete ich an dieser Stelle von diesem doch historischen Ereignis. Stellt sich diese Gruppe vor allem jüngerer in jedem Fall aber kreativer Brauer doch gegen die großen Brauverbände und beschließen sich fortan nicht mehr ausschließlich an das sog. Reinheitsgebot zu halten. Dieses reglementiert in Form des vorläufigen Biergesetzes und des Biersteuergesetzes wie ein Bier aus Deutschland gebraut werden darf. Dabei gibt es Unterschiede zwischen unter- und obergärigen Bieren, in jedem Falle dürfen aber grundsätzlich nur Malz, Hopfen und Hefe verwendet werden. Zusätzlich sind aber auch noch eine ganze Reihe weiterer Zusatzstoffe oder Hilfsmittel erlaubt, die den Brauprozess erleichtern sollen. Neben Zucker, Farbstoff oder Extrakten sind dies aber auch chemische Stoffe, die dem Bier zugesetzt werden. Die Kritik hieran ist die Basis meines Blogs und meiner Arbeit der letzten inzwischen fast 2 Jahre. Hierauf fußt auch der Verein deutscher Kreativbrauer:

„Der Verein Deutsche Kreativbrauer e.V. ist die Interessenvertretung für alle, die Durst auf Vielfalt haben. Als Zusammenschluss einer neuen Generation junger, unabhängiger Brauer lieben wir die alte Handwerkskunst ebenso wie frische Ideen. Für die Herstellung unserer kreativen Biere setzen wir nur natürliche Rohstoffe ein – und das dürfen neben Hopfen, Malz, Hefe und Wasser gern auch Früchte, Kräuter oder Gewürze sein. Künstliche Hilfsstoffe und Extrakte sind bei uns tabu. Wir glauben: Natürlich geht mehr! Und weil unser Qualitätsanspruch weit über das so genannte Reinheitsgebot hinausgeht, stellen wir ihm unser Natürlichkeitsgebot an die Seite.“

Den Tag des Bieres nahm man dann auch zum Anlass das erste gemeinsame Bier zu brauen. Und so trafen sich Andreas Seufert von Pax Bräu, Olli Wesseloh von Kehrwieder, Simon Siemsglüss von Buddelship, Kolja Gigla von Mashsee, Johannes Heidenpeter und Fritz Wülfing vom Bonner Ale-Mania in Oberelsbach im Rhön und zauberten ihren ersten Kreativsud. Dieser sollte gleich die Widersprüchlichkeiten der oben genannten Vorgaben aufzeigen. Denn es wurde auf ein uraltes Rezept zurückgegriffen, indem Kümmel, Wacholder und Salz eingesetzt wurde. Dies ist übrigens keineswegs eine Ausnahmeerscheinung – im Gegenteil: keine 100 Jahre nach Verkündung des „Reinheitsgebots“ durch die bayrischen Landesherzöge wurden durchaus wieder viele ursprüngliche Rezepturen erlaubt. Darunter eben auch der Einsatz dieser Gewürze. Doch auch die Brauart dieses Bieres ist etwas besonderes. Ist heute beim Einsatz von untergäriger Hefe ausschließlich Gerste als Getreidemalz erlaubt, treten die Kreativbrauer diesem Unsinn entgegen und haben auch Weizenmalz in den Sud gepackt. Dem nicht genug wurde das Bier originalgetreu auch per offener Holzbefeuerung erhitzt.

Es wird also höchste Zeit das „Reinheitsgebot“ zu reformieren, das Qualität und Transparenz schafft, denn:

„Natürlich geht mehr!“

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Traditionelles Gewürzbier
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gersten- & Weizenmalz, Kümmel, Wachholder, Salz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 5,8%
Herkunft. . . . . . . . . . . Oberelsbach
Erscheinungsjahr. . .
2017

Bewertung

 

  • Flaschendesign + Kronkorken:___13
  • Aussehen:____________________13
  • Geruch:______________________12
  • Geschmack:__________________14
Fazit

Geruch: klare Kümmelnote, kaum Malz, kaum Hopfen, viel weitere Gewürze, leicht gemüsig
Geschmack: sehr gemüsig, etwas dunkelmalzig, stark gewürzig, holzig, wenig spritzig, mittelgroßer Körper, leicht salziger und rauchiger Abgang
Gesamt: Was für eine Mahlzeit könnte man denken, so erinnern Geruch und Geschmack eher an etwas Essbarem als an Bier. Doch schmeckt man genauer hin, ist es wohl eines der authentischsten historischen Biere, die der Markt zu bieten hat. Auch wenn ich nicht jede einzelne der vielen Geruchs- und Geschmackselemente beschreiben kann, so ist es doch als Ensemble ein unfassbar harmonisches und hochinteressantes Bier. Das Zusammenwirken gleich sechs der kreativsten Bierköpfe Deutschlands merkt man jedem Schluck des Bieres an. Als Konstitutionssud ein herausragendes Signal für mehr Natürlichkeit, Qualität und Ehrlichkeit – ein Meilenstein der deutschen Biergeschichte. Deshalb hochverdiente 14 Pkt. (1) und klarer Anwärter auf den diesjährigen Bierjubiläum-Ehrenpreis.

Weitere Infos zum Bier unter: https://craftbeer-shop.com/epages/3629f328-522d-42c8-951a-2e001b280318.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/3629f328-522d-42c8-951a-2e001b280318/Products/212257.

Mehr Infos zum VdKb: http://deutschekreativbrauer.de/.

Prost!

270. Pearl River Beer

Die vermutlich einzige Rezension diese Woche führt mich in das Reich der Mitte. Genauer gesagt in das südchinesische Perlfluss-Delta. Dort befindet sich seit 1985 die Guangzhou Zhujiang Brewery Group Co., Ltd (廣州珠江啤酒集有限公司), die heute einer der größten chinesischen Brauereien ist. Die Brauereianlage ist durch ihre enorme Konzentration auf diesen einen Standort sogar eine der größten Produktionsstätten der Welt. Gelegen in Guangzhou, der Hauptstadt der Region Guangdong, ist sie zu 75% in staatlicher Hand. Die anderen 25% hat sich 2002 ABInBev gesichert, um die Marke zu professionalisieren und besser auf dem internationalen Markt platzieren zu können. Mit der Gründung des Zhujinag Brewery International Research arbeitet man inzwischen sogar auch mit der TU München zusammen.

Neben national wie international weniger bekannten Bieren wird vor allem das Pearl River bzw. Zhujiang Beer (珠江啤酒) hergestellt. Mit gerade in Deutschland unvorstellbaren 48.000 konsumierten Flaschen pro Stunde (!) zählt es zu den vier nationalen Biermarken Chinas. Wie für China (oder Ostasien im Allgemeinen) üblich wird neben importiertem Gerstenmalz (wahrscheinlich aus Kostengründen) auch Reis eingesetzt.

Der eigentliche Grund aber, warum ich das Zhujiang heute vorstelle, ist der Umstand, dass ich mit dieser Region einige Erlebnisse verbinde. So war ich Anfang 2010 im Zusammenhang meines Wirtschaftsgeographie-Studiums für mehr als 2 Wochen im Perflussdelta unterwegs. Im Rahmen eines großen Studienprojekts untersuchten wir die Region von der ehemaligen britischen Kolonie Hong-Kong, über Shenzhen, Dongguan, Guangzhou und Foshan bis hin zur heutigen Sonderverwaltungszone Macao hinsichtlich der Entwicklungen der dortigen weltwirtschaftlich höchst bedeutsamen Wirtschaftseinheiten und der Verflechtung dieser in die globalen Handelssysteme. Es war mein erster und bis heute einziger Asien-Besuch, der mir aus verschiedensten Gründen nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Das Perfluss-Bier (zumindest das Lager) gehört nichtsdestotrotz weniger dazu.

Übrigens heißt der Perfluss Perlfluss, da am Boden des Flusses und im Delta perlfarbene Muscheln liegen.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Lager
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Reis, Hopfenextrakt
Stammwürze
. . . . . .  12°P
Alkoholgehalt. . . . . . 5,3%
Herkunft. . . . . . . . . . . Guangzhou / China
Erscheinungsjahr. . .
1985

Bewertung

 

  • Flaschendesign + Kronkorken:___5
  • Aussehen:____________________7
  • Geruch:______________________8
  • Geschmack:__________________9
Fazit

Geruch: klar industriell, metallisch, würzig-süß, leicht karamellig-bitter
Geschmack: süffig, mittlerer Körper, süßlich, reisig, etwas bitter, wenig Spritzigkeit, grasig-herber-süßer Abgang
Gesamt: Nach dem das Äußere schon nicht so ansprechend und auch der nasale Eindruck stark industriell geprägt ist, bin ich überrascht, dass doch noch ein so passabler Geschmack um die Ecke kommt. Wahrscheinlich aufgrund des verwendeten Reises entsteht ein durchaus spannender grasig-würziger Geschmack, der an das asiatische Getreide erinnert. Gerade im Vergleich zu anderen internationalen Massen-Lager wirklich eine interessante (wenn auch kaum in Deutschland erhältliche) Alternative. In Summe etwas wohlwollende 8 Pkt. (3).

Weitere Infos zum Bier unter: http://www.pearlriverbeers.com/ bzw. https://www.pearlriverbeer.company/beers.

Mehr zur Brauerei unter: http://en.zhujiangbeer.com/about/comins/.

Prost!

269. Das Fette Wiess

Bier Nummer Vier und Abschluss meiner Mini-Serie Kölner „Craft“-Biere gleicht in seinen Merkmalen den drei vorherigen: Es ist ein obergäriges Bier einer Kölner Lokalmarke, die aber keine Brauerei ist und deshalb von Freigeist Bierkultur in Hagen brauen lässt. Der kleine aber feine Unterschied: Es wird nicht für ein Bierunternehmen gebraut, sondern für ein Restaurant. Genauer gesagt für einen Burger-Laden.

2011 eröffnete unweit des Bierlagers die Fette Kuh ihre Pforten und bietet seither handwerklich gemachte kreative Burger in rustikalem Ambiente an. Handwerklich und kreativ – das passt auch hervorragend zu Craftbier, dachten sich die Betreiber und bieten nicht nur diverse Bierspezialitäten an, sondern lassen auch seit einiger Zeit ihr eigenes Bier brauen. Es handelt sich dabei um ein inzwischen wieder sehr beliebtes Wieß, also einem unfiltriertem Bier nach kölscher Brauart. Die vergleichsweise klare Optik wird mittels einer Zentrifuge erreicht, die die groben Hefepartikel vor der Abfüllung zurückhalten soll.

In der Tat sind die Parallelen der Burger- und Craftbier-Welle frappierend. Beides begann zunächst in den USA und schwappte vor etwa 10 Jahren dann auch in Deutschland herüber. Beides setzt auf kreative Handwerkskunst mit dem Anspruch qualitativ hochwertige Produkte zu fertigen. Und beides ist (immer noch) sehr im Trend und hat sich inzwischen einen festen Markt geschaffen. So ist es nicht überraschend, dass sich die beiden Welten verbinden und Burger und Craftbier gemeinsame Wege gehen.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Wieß
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 4,8%
Herkunft. . . . . . . . . . . Köln [Hagen]
Erscheinungsjahr. . .
2011

Bewertung

 

  • Flaschendesign + Kronkorken:___12
  • Aussehen:____________________10
  • Geruch:______________________7
  • Geschmack:__________________9
Fazit

Geruch: leicht industriell, malzig-süßlich, spritzig-herb
Geschmack: wenig Körper, feinperlig, kölschig-herb, ganz wenig bitter, leicht malzig-süßlicher Abgang
Gesamt: Positiv: Insgesamt ein gutes Malz- und Hopfengleichgewicht, in der die Kölner Brauart erkennbar aufgeht. Für mich passig herb, für Kölner ggf. nur was für Gaffel-Trinker. Negativ: Trotz „kreativer Brauübernahme“ für mich eigenartig industriell und gerade im Vergleich zu anderen Wieß (wie etwa dem von AleMania) sehr wenig malz- und hefebetont. Aber letztlich ist ja auch Interpretationssache des Stils. Für meinen Geschmack reicht es heute aber leider nicht für mehr als 9 Pkt. (3+).

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.bierlager.de/Sorten/nach-koelscher-Art/Das-Fette-Wiess.htm?a=article&ProdNr=b00281&p=254.

Mehr Infos zur fetten Kuh siehe: http://www.diefettekuh.de/#.

Prost!

268. RheinCraft frohnatur.

Weiter geht es heute in meiner Mini-Serie der „Kölner“ Craft-Biere. Heute am Start: Die Frohnatur von RheinCraft. RheinCraft ist ein Start-Up von fünf Doktoranden-Freunden, die seit 2015 am Markt sind. Doch schon vier Jahre zuvor haben sich die vier Biotechnologen vom Forschungszentrum Jülich zusammengefunden und mit dem Hobbybrauen begonnen. Aufgrund ihrer theoretischen Verfahrenskenntnisse gelang es ihnen rasch mehr als akzeptables Bier zu kreieren. Dabei folgte man stiltechnisch ein wenig der schon aufkommenden Craftbier-Welle und hob sich ebenfalls durch „kreativere“ Sude vom Massenbier ab. Die Passion erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt als man 2014 den Brauwettbewerb Campusperle in Hamburg gewann. Der damals amtierende Biersommelier-Weltmeister Oliver Wesseloh riet den Fünfen dann den nächsten Schritt zu machen und aus ihrem Hobby ein(e) Beruf(ung) zu machen. Da sie selbst hierfür nicht die ausreichenden Anlagen besaßen, ließ man zunächst in der Privatbrauerei Reiner in Linnich-Welz bei Aachen brauen. Inzwischen ist man (wie so viel andere Kuckucks-Craft-Brauer) auf die Vormann-Brauerei in Hagen-Dahl ausgewichen. Neben der Frohnatur gibt es derzeit noch das Rut & Wiess des recht seltenen Bierstils Red IPA. Alle bisherigen Biere wurden übrigens stets nach dem „Reinheitsgebot“ gebraut, wobei sich die Fünf grundsätzlich auch vorstellen könnten in Zukunft darüber hinaus gehenden Zutaten zu verwenden.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Pale Ale
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . .  13°P
Alkoholgehalt. . . . . . 5,8%
Herkunft. . . . . . . . . . . Köln [Hagen]
Erscheinungsjahr. . .
2015

Bewertung

 

  • Flaschendesign + Kronkorken:___11
  • Aussehen:____________________11
  • Geruch:______________________12
  • Geschmack:__________________12
Fazit

Geruch: sehr grasig-heuartig, Fruchtmix aus Blutorange, Mango & Granatapfel, leicht gemalzt
Geschmack: hopfig-bitter, sehr grasig, feinperlig, mittlerer Körper, wenig Süße, trocken-herber Abgang
Gesamt: Der Name ist Programm: Ein Bier wie aus der Natur. Sehr grasig, schön hopfig und kein Zuckerschlecken. Zwar fehlt mir auch hier wieder eine stärkere Fruchtnote, aber die frohnatur zeigt sich grundsätzlich charaktervoll und ausdrucksstark. In Summe macht das für mich mehr als solide 11,5 Pkt. (2(+)).

Weitere Infos zum Bier unter: http://rheincraft.de/lagerkeller/frohnatur.

Prost!

267. Bierlager Strammer Max

Nach der gestrigen Goldmarie folgt heute der Stramme Max. Das Double IPA entstand ebenfalls durch eine Kooperation zwischen dem Bierlager in Köln und dem Craft Beer-Projekt „Freigeist Bierkultur“ des Brauers Sebastian Sauer aus Aachen. Gebraut wurde es wie auch die Goldmarie in der Brauerei Vormann in Stolberg.

Der Stramme Max ist wie es der Bierstilname schon verrät eine stärkere Variante eines IPA. Zudem finden sich gleich sechs unterschiedliche Hopfensorten in diesem DIPA: Cascade, Zeus, Simcoe, Summit, Citra und Tettnanger.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Double India Pale Ale
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gersten- & Weizenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 8%
Herkunft. . . . . . . . . . . Köln [Stolberg]
Erscheinungsjahr. . .
2017

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___9
  • Aussehen:____________________11
  • Geruch:______________________12
  • Geschmack:__________________12
Fazit

Geruch: klar hopfig, Litschi, Heidelbeere, Limette, aber auch grasig & karamell-malzig
Geschmack: sehr weich, alkoholaromatisch, malzig-würzig, süßlich-bitter, voller Körper, mittlere Spritzigkeit, leicht ölig, trocken-herber Abgang mit matt-süßlichen Nuancen
Gesamt: Auch das zweite Bierlager-Bier weiß zu überzeugen. Zwar nicht ganz so grandios wie die „abgelaufene“ Goldmarie, aber definitiv ein würdiger Vertreter des DIPA-Bierstils. Für mich ist es einen Hauch zu alkoholaromatisch und auch hätte ich mehr Fruchtaromen auf der Zunge erwartet. Deshalb ganz schnörkellose 12 Pkt (2+).

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.bierlager.de/Sorten/India-Pale-Ale/Bierlager-Strammer-Max.htm?SessionId=&a=article&ProdNr=b00500&p=3.

Prost!

266. Bierlager Goldmarie

Für die kommenden Tage möchte ich euch auf einen kleinen virtuellen Bierausflug nach Köln einladen. Dass dort viel Bier gebraut wird, dürfte jedem klar sein. Dass es aber neben Kölsch noch andere Biere in der Domstadt gibt ist weniger bekannt. So hat auch Köln mit etwas Verzögerung die Craftbier-Welle erreicht und es wachsen immer neue kleine bis mittlere Leuchttürme der Biervielalt aus dem Boden. Eines im Bereich Handel ist das Bierlager, das vor gar nicht allzu langer Zeit im Kölner Süden seine Pforten geöffnet hatte. Dort werden nicht nur allerhand Craftbier-Spezialitäten feilgeboten, inzwischen gibt es dort auch einen kleinen Ausschank.

Mein erster Besuch des Bierlagers liegt zwar schon etwas zurück, ich möchte euch kurz vor der Adventszeit aber zwei interessante Bier nicht vorenthalten. Denn Das Bierlager verkauft nicht nur Biere, sondern lässt auch selber für sich brauen. So sind auch zwei Eigenbiere im Sortiment, die vom Freigeist Bierkultur aus Aachen in der Vormann-Brauerei in Stolberg gebraut werden. Beide möchte ich euch nun hier vorstellen. Beginnen werde ich mit der Goldmarie – einem American Pale Ale.

 

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Pale Ale
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gersten- & Weizenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 5%
Herkunft. . . . . . . . . . . Köln [Stolberg]
Erscheinungsjahr. . .
2017

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___8
  • Aussehen:____________________12
  • Geruch:______________________13
  • Geschmack:__________________14
Fazit

Geruch: sehr hopfig-heuartig, grasig, hell-fruchtig, leicht süßlich
Geschmack: klar gehopft, grasig-heuartig, etwas waldig, dezente Fruchtigkeit, leicht herb, kaum bitter, mittlerer Körper, trocken-fruchtig-heuartiger Abgang
Gesamt: Also das hätte ich nun nicht gedacht. Eigentlich sind Eigenmarken ja nun nicht gerade ein Gradmesser für gute Qualität, aber die goldene Marie ist definitiv ein hervorragendes Aushängeschild. Spannend wohl auch die leichte Geschmackintensivierung hin zur klaren Heunote aufgrund der leichten MHD-Überschreitung, das auf Ende August datiert ist. Deshalb absolut verdiente 13,5 Pkt (1(-)) und somit ein Platz in der diesjährigen Bierjubiläum-Spitzengruppe.

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.bierlager.de/Bierlager-m15333.htm?SessionId=&a=marke&Hersteller=15333.

Prost!

265. 100 Jahre Oktoberrevolution – Biere in Russland – Bierverkostung November

Poltova Bochka Nefiltrovannogo | Baltika 4 Original | Baltika 6 Porter | Courage Imperial Russian Stout | Brokantie Sour Saison | Saison de Dottignies | Pastor’ale 

Vor genau einer Woche stand wieder mal die inzwischen zum Glück zur regelmäßigen Veranstaltung vieler Bierbegeisterter aus Brühl und Umgebung gewordene Bierverkostung in der Kierberger Eule an. Thema diesmal: 100 Jahre Oktoberrevolution in Russland. Nun man sich fragen, warum das denn ein Thema für den November ist, wo es doch Oktober-Revolution heißt. Doch der Termin passt schon ganz gut. Schließlich fällt die Datierung dieses historischen Ereignisses in unserem heutigen (gregorianischen) Kalender auf Anfang November. Da aber das damalige Zarenreich noch den julianischen Kalender in Verwendung hatte ergibt sich eine Verschiebung um 14 Tagen, in denen genau der Monatswechsel fällt.

Der Oktoberrevolution, die den endgültigen Sieg der Sowjets mit der Installation der Union sozialistischer Sowjetrepubliken zementierte, gingen zwei weitere Revolutionen voraus. So ging bereits 1905 aus der damaligen Hauptstadt St. Petersburg die ersten revolutionären Unruhen aus, die jedoch noch blutig von zarentreuen Truppen niedergeschlagen wurden. 12 Jahre später im Februar (bzw. März) hatte der Zar den Widerständlern jedoch nichts mehr entgegenzusetzten und es folgte der Sturz der Monarchie im Rahmen der Niederlage gegen das deutsche Kaiserreich im ersten Weltkrieg. Die Macht übernahmen zunächst liberale und sozialistische Kräfte gemeinsam, ehe im Oktober (bzw. November) desselben Jahres die liberalen ebenfalls gewaltsam verdrängt wurden.

Das russische Bier wurde zwar nicht gewaltsam verdrängt, hat es aber trotzdem traditionell etwas schwieriger auf dem dortigen Markt. Wie auf der Karte unten erkennbar spielt vor allem Wodka die bedeutendste Rolle im Absatz alkoholischer Getränke. Doch auch das Bier holt im größten Land der Erde immer mehr auf, sodass es sich definitiv lohnt einmal einen Blick (oder vielmehr einen Schluck) drauf zu werfen. Schließlich gilt es dort seit 2011 auch als vollwertiges alkoholisches Getränk.

Vor der eigentlichen Verkostung ging es erst einmal weiter im Kölsch-Projekt, bei dem Markus bis 2019 (da wird die Kölsch -Konvention 33 Jahre) alle Kölsch vorgestellt und durchprobiert haben will. Diesmal stand das Sion-Kölsch an. Heute zum Haus der Kölschen Brautradition und somit zur Radeberger-Gruppe gehörend, hat es eine bedeutende Geschichte hinter sich. Nach dem zweiten Weltkrieg – als es nur noch zwei aktive Brauereien in Köln gab – entschied sich Hans Sion seine Brauerei nicht mehr in Betrieb zu nehmen, sondern es via Lohnbrauverfahren extern brauen zu lassen. Das Brauereigebäude wurde hingegen nach altem Vorbild wieder aufgebaut, jedoch nur noch als Gaststätte genutzt. Die dadurch gewonnene Zeit nutzte Sion um das Kölsch-Bier zu seiner heutigen Kölner Popularität zu verhelfen. Er vernetzte sich, fuhr durch die ganze Stadt, sprach mit Brauern und Wirtsleuten und organisierte Veranstaltungen zur Bewerbung und Vermarktung des damals noch recht neuen Kölsch. Nachdem dann der Kölsch-Boom in den 1960ern eingesetzt hatte, wirkte Sion auch entscheidend an der Aufstellung der Kölsch-Konvention 1986 mit.

Danach ging es dann aber los mit den russischen Bieren, die freundlicherweise Markus‘ Frau aus dem russischen Mix-Markt in Euskirchen eingekauft hatte. Den Anfang macht das Poltova Bochka Nefiltrovannogo Kellerbier aus dem ostukrainischen Hadjatsch. Zum Bier oder der Brauerei lässt sich selbst recht wenig herausfinden, da diese zumindest im Netz nur Infos auf kyrillisch anbietet. Es kommt zumindest jedoch aus dem Land, aus der auch die erste kommerzielle russische Brauerei eröffnete: der Ukraine.

Persönlicher Eindruck:
leicht säuerlich, süßlich, weich, malzig, wenig Frucht
würzig, ein bisschen Brauhauscharakter, etwas gemüsig, süßlich, mittlerer Körper, matt

Das nächste Bier kam von einer ungleich bekannteren russischen Brauerei – und zwar der größten des Landes. Und diejenige mit dem größten Exportanteil. So ist Baltika inzwischen auch in einigen gut sortierten Getränkemärkten, online oder aber auf Bierfesten zu haben. Während man das klassische helle Lager gemein hin kennen dürfte stellte Markus zwei wesentlich typischere russische Bierstile vor. Zum Einen das Wiener Lager. Zunächst ein Widerspruch, ist Wien doch die Hauptstadt Österreichs, zeigt die Historie jedoch, dass Wiener Lager weitaus größere Beliebtheit im ehemaligen Zarenreich erfuhren als im Habsburger Lande. Bis heute ist es neben den weltweit führenden einförmigen Lagern einer der meist getrunkensten Bierstile Russlands.

Persönlicher Eindruck:
sehr karamellig, sehr malzig, leicht röstig
spritzig, kara-süß, leicht würzig, Lakritz, süßer Abgang, vollmundiger

Zum Anderen das Porter. Genauer gesagt das baltische Porter, das im Gegensatz zum britischen Porter meist untergärig gebraut wird. In Russland hingegen wird es aus alter Verbundenheit mit der britischen Krone ebenfalls obergärig – aber trotzdem möglichst kühl – gebraut. Bereits unter Zarin Katharina wurden in der russischen Oberschicht besonders viele englische Biere getrunken. Gehalten hat sich das bis heute, so ist neben dem Wiener Lager das Porter ebenfalls sehr beliebt im westlichen Osten. Man beachte in beiden Bieren übrigens auch den Roggenmalzanteil. Baltika ist dabei ein Paradebeispiel sozialistischer Gründungs- und Aufbaumentalität. So erfolgte 1978 der Beginn des Baus der Brauerei. Doch erst 12 Jahre später 1990 konnte es eröffnet werden und wurde kurze Zeit später auch privatisiert und gehört heute zum Karlsberg-Konzern.

Persönlicher Eindruck:
sehr lakritz-süß, wenig malz-würzig
trocken-süß, Lakritz+Karamell, etwas röstig & bittere Untertöne, alkoholaromatisch

Das letzte Bier der offiziellen Verkostung war ebenfalls ein wahrer russischer Klassiker: DAS Russian Imperial Stout. Ebenfalls ein Beleg der bierigen Verbindung der beiden auch verwandtschaftlich verknüpften Monarchien aus Russland und England. So war es die ehemalige Anchor Brewery aus London (nicht zu verwechseln mit der heutigen Anchor aus San Fransisco) die unter dem Namen Courage, Barcley & Co. Ltd. 1781 das erste Imperial Stout für Russland brauten. Bis heute gilt es als das stilbildende Bier für diesen Bierstil. Zwar gibt es die Courage Brewery heute nicht mehr, dafür wird das Bier von Marston’s weiter gebraut und vertrieben. Übrigens: Courage war Anfang des 19. Jahrhunderts einmal die größte Brauerei der Welt. Übrigens, die 2.: Das von Markus angebotene Bier war Jahrgang 2013. Auf den ersten Blick also „abgelaufen“ oder Vintage, ist es sogar aber fast zu frisch. Schließlich wird für dieses Bier eine Lagerung von 7-8 Jahren vor der Öffnung empfohlen.

Persönlicher Eindruck:
sehr süß, karamellig, Lakritz, matt, trocken-malzig, spritzig
Kaffee, Schokolade, sehr vollmundig, röstig, ölig, alkoholaromatisch, leicht weinig
-> „Die Antithese zum Kölsch!“

Meine persönliche Gesamtwertung der Biere der Biere aus der „offiziellen“ Verkostung sieht unter Nicht-Berücksichtigung des Kölsch dann wie folgt aus:

Interessant ist im Rahmen der russischen Biergeschichte auch, dass die weltweit anerkannten Bierstilnamen während des kommunistischen Sozialismus (oder sozialistischen Kommunismus) umgetauft wurden. So wurde zum Beispiel aus dem Münchner Dunkel das Ukrainskoe und aus dem Pilsner wurden je nach Alkoholgehalt gleich drei unterschiedliche Biernamen: Russkoe, Moskovskoe oder Leningradskoe:

Im Anschluss an die „offizielle“ Verkostung proBierten wir dann noch folgende Biere in der Runde:

  • Brokantie Sour Saison:
    – obergärig; 5,3%
    – von der Kreativbrauerei Orca aus Nürnberg
    – sehr säuerlich, feinperlig, wenig Körper, geringer Abgang
    http://www.orcabrau.de/

  • Saison de Dottignies:
    – obergärig; 5,5%
    – aus der Brasserie De Ranke in Dottignies (Dreiländereck Frankreich-Flamen-Wallonien)
    – leicht säuerlich, etwas süßlich & Gewürzig, trocken, herb

    https://www.deranke.be/en/bier/saison-de-dottignies

  • Pastor’ale:
    – obergärig; 8,5%
    – Tripel der Brouwerij van Steenberge aus dem flandernschen Ertvelde
    – aus Gersten-, Weizen & Hafermalz

    – gewürzig, säuerlich, süßlich, weich, kein Karamell, feinperlig, lecker
    https://www.vansteenberge.com/en/

Vielen Dank also nochmals an Markus für den interessanten Abend.
Mit voller Vorfreude auf die kommenden Verköstigungen – von denen ich selbstverständlich wieder berichten werde – verabschiede ich mich in den Abend.

Weitere Informationen zur Eule, zu den Aktionen und zum Biersommelier Markus Weick unter: http://wordpress.99biere.de/

Kwas [квас] – Russisch Braun [ру́сский бу́рый]

Nach dem vorgestrigen hellen Kwass möchte ich mich heute an die dunkle Variante wagen. Grundsätzlich ist diese auch in Russland inzwischen weniger verbreitet, da sie weniger spritziger und erfrischender wirken soll. Historisch ist sie aber der Original-Kwass, da dieser zunächst aus Überresten von Roggensauerteigen entstanden ist, die durch umherfliegende Hefen angesteckt wurden. Im Gegensatz zum hellen Kwass soll der dunkle deutlich malziger und weniger fruchtiger schmecken und so an ein Malzbier erinnern.

Deshalb bin ich gespannt, ob diese industrielle Interpretation zumindest so gut wie das helle schmeckt. Skeptisch machen mich da die vielen Zusatzstoffe zur Säureregulierung und Konservierung mit den wohlklingenden E-Nummern. Offensichtlich scheint der Original-Kwass doch zu exotisch zu sein, um ihn auch in Deutschland anbieten zu können.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Kwass
Brauart
. . . . . . . . . . . spontangärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Zucker, Glukose-Fructose-Sirup, Roggen- & Gerstenmalz, Hefe, E330, E202 & E211
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . <1,5%
Herkunft. . . . . . . . . . . Litauen
Erscheinungsjahr. . .
?

Fazit

Geruch: karamell-malzig, süß, ganz leicht röstig, wenig schokoladig
Geschmack: malzig-süß, leicht fruchtig, getreidig, bisschen spritzig, leicht angeröstet, trocken-süß-getreidiger Abgang
Gesamt: Auch der dunkle Kwass überrascht mich mit einem absolut annehmbaren Geschmacksprofil. Für meinen Gaumen bei der dunklen Note zwar etwas zu süß, aber durchaus ebenfalls eine interessante Alternative zum deutschen Malzbier. Allerdings muss auch klar kritisiert werden, dass der Einsatz von künstlichen Zusatzstoffen definitiv nicht zu unterstützen ist. Es ist wie schon erwähnt wohl aber darauf zurückzuführen, dass das Produkt an den hiesigen Markt angepasst wurde. Dies bestätigen auch einige, die bereits in Ostslawien dortigen (oder selbst hergestellten) Kwass probieren konnten.

Prost bzw. Ва́ше здоро́вье!

 

Brauereifest AleMania

„Lange Zeit wurde das Bier in deutschen Landen unkritisch getrunken, jetzt ist Zeit für mehr Geschmack und bewussten Genuß!
Genau das will auch Fritz Wülfing: Handwerklich und transparent in der eigenen Brauerei brauen.“

Und damit auch noch ein kleines aber feines Taphouse hinzukommt und natürlich zum allgemeinen Genuss des leckeren Fritz-Ales lud der deutsche Craftbier-Pionier am Elften im Elften zum ersten Brauereifest ins zugegebenermaßen etwas abgelegene Bonn-Pützchen.

Der für manche dort recht beschwerliche Weg hat sich aber in jedem Fall gelohnt, so gab es nicht nur 6 feine Biere frisch vom Fass sondern auch das ganze aktuelle Sortiment in Flaschenform (auch zum mitnehmen). Zudem kam man in den Genuss einer exklusiven Brauereiführung von Mr. AleMania Fritz Wülfing höchstpersönllich. Dabei ging er auf die einzelnen Brauprozessschritte ein und zeigte auf, dass man auch in kleinem Maßstab ohne viel Investition und Geld im Hintergrund qualitativ hochwertiges Bier herstellen kann. Dabei braut er ausschließlich obergärig und (gepägt aus England) als einer der wenigen in Deutschland nach dem einstufigen Infusionsmaischverfahren. Mit einem deutlichen Dankeshinweis an seine Familie und Freunde, die es überhaupt erst ermöglichten, dass er heute schon so weit gekommen ist, diskutierten wir aber auch in der Runde wie die Zukunft von AleMania aussehen kann. Neben dem Taphouse im Brauereigebäude, welches wohl vor allem zu Veranstaltungen und am Wochenende genutzt werden soll, will Fritz im Flaschensegment wachsen und perspektivisch auch sein Fassbier in ausgewählten Locations im Bonner Stadtgebiet ausschenken lassen. Dazu passt ganz gut, dass er in diesem Jahr erstmals Gewinn erwirtschaften wird, nachdem die letzten Jahre (insbesondere als er es noch nebenberuflich gemacht hat) höchstens eine schwarze Null zuließen.

Hier nun ein paar Impressionen aus der Brauerei:

Das Malzlager:Die Schrotmühle:Fritz zwischen Maische-&-Läuterbottisch sowie Würzepfanne:Der Gärbehalter (darauf einen Schluck ;):Und die Flaschenabfüllanlage:

Das Schöne an solch einem Brauereifest ist natürlich auch, dass man viele Biernerds auf einem Haufen trifft. So konnte ich endlich die Bekanntschaft mit Tom von Bier aus NRW machen, der aus meinem ehemaligen Wohnort Krefeld angereist ist. Zudem waren natürlich auch viele Hobbybrauer aus dem Köln-Bonner Raum anwesend, unter ihnen auch der neue Biersommelier-Weltmeister Stephan Hilbrandt. Außerdem am Start: Holger von We love Pubs (den ich leider nur noch im Augenwinkel wahrgenommen habe) und auch der Chef von meinem Lieblingsgetränkemarkt P&M.

Zudem konnte ich meine AleMania-Bierliste noch weiter vervollständigen und folgende zwei neue Biere proBieren:

  • AleMania Spiced Pumpkin Ale:
    – obergärig; 6%
    – Kürbisbier vom einzigen Angestellten der Brauerei – dem englischen Azubi
    – schmeckt zwar wenig nach Kürbis, dafür aber sehr gewürzig und zimtig

Fazit:

Auch wenn ich familienbedingt nicht lange bleiben konnte, bin ich doch sehr froh endlich mal Fritz und seine Brauerei kennen gelernt zu haben. Vor allem sein Fokus auf Qualität im kleinen Rahmen und seine Offenheit der Natürlichkeit gegenüber gehen als top Beispiel voran, wie Bonner Bier aussehen kann: Hochwertig, regional und authentisch. Dabei nimmt Fritz auch kein Blatt vor dem Mund, wenn es berechtigterweise einmal um die Kritik an der hiesigen Brau- und Trinkkultur geht. Zudem war es toll sich mit dem ganzen anderen Bierenthusiasten austauschen zu können, hat man im Alltag doch recht wenig Gelegenheit dazu.
Also vielen Dank Fritz und weiterhin gutes Gelingen und eine erfolgreiche Bier-Zeit!

Mehr zur Veranstaltung unter: https://www.facebook.com/events/1923121101050293/.

Weitere Informationen zu AleMania unter: https://fritz0830.wixsite.com/15168465.

Kwas [квас] – Taras Weiss [тарас бе́лый]

Im Nachgang zur dieswöchigen Bierverkostung in der Brühler Eule zum Thema „Biere in Russland“, dessen Bericht hier in Kürze folgt, möchte ich mich einer weiteren russischen „Bier-„Spezialität nähern.

Der Kwass ist zwar kein wirkliches Bier, ist jedoch nah verwandt. So zählt es zu den Gärgetränken und wird ebenfalls auch Getreide hergestellt. Genauer entsteht es aus der Gärung von altem Brot oder Malz, Roggenmehl (oder Roggenbrot) sowie Kwas-Hefe oder Sauerteig. Deshalb wird es auch als Brotbier bezeichnet. Um den Kohlensäuregehalt zu erhöhen kann noch Zucker, Melasse o.ä. eingesetzt werden. Kwass enthält traditionell nur wenig (bis zu 1,5%) Alkohol uns ist somit auch als Erfrischungsgetränk beliebt. Es gibt Kwass in der hellen und dunklen Variante. Letztere soll etwas an Malzbier erinnern, jedoch weniger süß sein. Erstere hingegen soll in etwa wie ein Radler schmecken. Getrunken wird es vor allem in ostslawischen Regionen vom Baltikum über Weißrussland und Ukraine bis hin zum Kaukasus.

Und selbstverständlich auch in Russland. Dort wird es bis heute auf dem Land in traditioneller Weise daheim „gebraut“. So zum Beispiel auch bei einem Teil der Familie meines halb-russischen Kollegen Heinrich aus dem Köln-Porz. Da der Kwass allerdings noch keine Popularität außerhalb der oben genannten Region erlangt hat, ist es erforderlich einen russischen Supermarkt auszusuchen, um in Deutschland überhaupt an das „Brotbier“ zu gelangen. Glücklicherweise gibt es u.a. in Porz einen Mix-Markt, der fast ausschließlich russische Produkte und somit auch den Kwass führt. Freundlicherweise war besagter Kollege so nett und brachte mir diese Woche jeweils eine (große) Flasche des hellen und dunklen Gärgetränks mit.

Heute möchte ich euch zunächst die helle Variante vorstellen:

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Kwass
Brauart
. . . . . . . . . . . spontangärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Glukose-Fructose-Sirup, Gersten- & Weizenmalz, Gerste, Hefe, Akazienextrakt
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . <1,5%
Herkunft. . . . . . . . . . . Litauen
Erscheinungsjahr. . .
?

Fazit

Geruch: leicht malzbierig, hell fruchtig, getreidig, grasig, frisch, brotig
Geschmack: lecker erfrischend, leichtes Radler, süß-fruchtig nach Ananas, Mango, Maracuja & Banane, nur wenig malzig, weich-grasig-fruchtiger Abgang
Gesamt: Derartige Experimente wie das heutige gehe ich ja stets mit einer gesunden Portion Skepsis an. Auch wenn ich wirklich kaum wissen könnte, was mich erwarten würde, will ich behaupten, dass ich positiv überrascht bin. Sicher kann man es kaum mit einem Bier vergleichen, doch kann ich verstehen, dass das Brotbier östlich von uns als Erfrischungsgetränk einen derart guten Ruf hat. Und trotz dessen, dass hier Zucker zugesetzt ist hält sich der Gesamtgehalt mit unter 10% für solch ein süß-schmeckendes Getränk noch im Rahmen. Dabei ist es aber zu keinem Zeitpunkt zu künstlich süß, sondern stets erfrischend und lecker. Durchaus also empfehlenswert und eine sehr spannende und gute Alternative zu anderen Erfrischungsgetränken (des Westens).

Prost bzw. Ва́ше здоро́вье!

 

264. Colbitzer Edel

Im Rahmen meiner Reformations-Jubiläums-Bierwoche war ich auch auf der Suche nach authentischem Bier aus Mitteldeutschland. Zwar war mir schon zu Beginn klar, dass dort die Brauereidichte nicht sehr groß ist und es somit kein sehr großes Angebot gibt, aber es war sogar noch weniger als befürchtet. Zumindest online ist die Beschaffung von Bieren aus dem Zentrum unseres Landes enorm schwierig. Für Sachsen-Anhalt – der zentralen Wirkungsregion von Luther – wurde ich mit dem heutigen Bier dann aber doch fündig.

Zwar hat es außer der Nähe zur Lutherstadt Wittenberg nicht viel mit der Thematik zu tun, eignet sich aber aus anderen Gründen sehr gut für eine separate Vorstellung auf Bierjubiläum.

Gegründet nördlich von Magdeburg von Friedrich-Christoph Ritter ein Jahr nach der Reichsgründung 1872, blieb die Brauerei zunächst bis zur Verstaatlichung in der DDR im Familienbetrieb. Nach Zerfall des kommunistischen Regimes wurde die im Schutzgebiet Colbitzer-Letzlinger Heide gelegene Brauerei an die Nachkommen der damaligen Besitzer rückübereignet. Auch heute ist diese immer noch unabhängig.

Während dieser Werdegang für eine ostdeutsche Brauerei fast stereotypisch ist, überrascht ein wenig die Haltung zum Reinheitsgebot. Selten habe ich ein derart eindeutige Unterstützung dessen im Rahmen meiner Recherchen festgestellt. Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums formulieren die Verantwortlichen es auf ihrer Website wie folgt:

„Die Traditionsbrauer der Colbitzer Heide-Brauerei halten ohne Wenn und Aber am Deutschen Reinheitsgebot fest und sind bereit, es mit aller Kraft gegen sämtliche Angriffe aus dem In- und Ausland zu verteidigen.

Seit vielen Jahren werden – besonders von ausländischen Brauereien – immer wieder Versuche gestartet, das Deutsche Reinheitsgebot zu Fall zu bringen. Zum Glück ist das bis zum heutigen Tag nicht gelungen, da die Brauer in unserem Land nahezu geschlossen hinter dieser Gesetzesvorschrift stehen.

Umso kritischer sind die Versuche anzusehen, dass das Reinheitsgebot aktuell auch in Deutschland speziell von einigen Craft-Bier-Herstellern als Produktionshindernis angesehen wird. Von dieser Meinung distanzieren sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam mit der Geschäftsleitung ganz entschieden.

Für die Colbitzer Brauer ist das Deutsche Reinheitsgebot unanfechtbar – verbunden mit dem Wunsch, dass 2516 sein tausendster Geburtstag genauso stolz gefeiert wird, wie die Traditionsbrauer in diesem Jahr sein 500-jähriges Bestehen begehen.“

Abgesehen, dass ich bezweifle, dass die deutschen Brauer nach wie vor nahezu geschlossen hinter der aktuellen Auslegung des „Reinheitsgebots“ stehen, ist es schon überraschend wie scharf hier gegen die (neuen) Craft-Bier-Brauer geschossen wird – zumal sich viele von ihnen ja auch an dieses halten. Sicher ist auch bei den moderneren Craftbieren nicht alles Gold was glänzt und viel Marketing vertuscht auch dort teils geringe Qualität, aber die Absicht der meisten anderen Craft-Brauer ist gutes, leckeres und natürliches Bier zu brauen. Deshalb kann ich die Kritik in dieser Form überhaupt nicht nachvollziehen. Es sollte auch nicht darum gehen das RHG zu Fall zu bringen, sondern es endlich zu dem zu machen, was es sein sollte: Einem Qualitätsmerkmal für gutes deutsches Bier. Und das ist unter den aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht optimal möglich. Abgesehen von der überflüssigen Ungleichbehandlung von unter- und obergärigem Bier, nimmt kein Bier Schaden, wenn es anstatt mit chemischen Hilfsstoffen mit Rohstoffen aus der Natur in Kontakt gerät. Wichtig ist hier einfach nur die Qualität des Bieres sowie die Transparenz der Zutaten mit entsprechend klassifizierter Kennzeichnung (siehe Das Reinheitsgebot). Ich denke es wird zukünftig wichtig sein beide Parteien an einen Tisch zu holen und von allen Seiten Kompromissbereitschaft einzufordern. Weder eine komplette Abschaffung des sog. Reinheitsgebots noch eine Beharrung auf die aktuellen regulatorischen Grundlagen sind für eine gute Reform zielführend.

Nun aber zum Bier, welches zwar keine Stilbezeichnung mitbringt (die man bei der klaren Haltung zum RHG aber eigentlich erwarten müsste), aber wohl noch am ehesten als Export einzustufen ist. Gespannt bin ich inwiefern sich das verwendete weiche mineralarme Heidewasser fast ohne Restalkalität auf das Bier auswirkt.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Export
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfenextrakt
Stammwürze
. . . . . .  11.25°P
Alkoholgehalt. . . . . . 4,9%
Herkunft. . . . . . . . . . . Colbitz
Erscheinungsjahr. . .
2016

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___5
  • Aussehen:____________________9
  • Geruch:______________________6
  • Geschmack:__________________7
Fazit

Geruch: leicht metallisch-industriell, würzig, leicht malzig, wenig grasig, recht matt
Geschmack: würzig, malzig, grasig, wenig Körper, mittelspritzig, ein wenig kräuterig, herber Abgang mit leichten Bitternoten
Gesamt: Sicher sind Geschmäcker verschieden, aber mein Fall ist das Edel nicht. Inwiefern das Heidewasser Einfluss auf den doch herb-würzigen Charakter hat, der permanent durch unangenehm bittere Noten begleitet wird, kann ich nicht beurteilen. Vor allem aber ist zu kritisieren, dass wer auf das Reinheitsgebot pocht kein Hopfenextrakt verwenden sollte. Das macht irgendwie unglaubwürdig, wenn es um die Qualität des Bieres geht. Aus diesem Grund kann ich heute in Summe auch nicht mehr als 6 Pkt. (4+) geben.

Weitere Infos zum Bier unter: http://www.colbitzer-heidebrauerei.de/index.php/colbitzer-edel.html.

 

Prost!

1st Anniversary – 1 Jahr Craftbeer Corner Coeln

CCC Veedels Maggel | Cantillon Rosé de Gambrinus | Moor Nor’Hop | Jackie O’s Oil of Aphrodite | Omnipollo Triple Mango Crème Brûlée Lassi Gose | Magic Rock Kentucky Common Grounds | Omnipollo Original Ice Cream Pale Ale | Freigeist Bierkultur + Stillwater Artisanal AMIS | Freigeist Bierkultur + Jester King Sing Along Deathmatch | CCC Heinenhof ZA II RIS

Während ganz Deutschland unter der Woche 500 Jahre Reformation feierte, beging die Craftbeer Corner Coeln am letzten Wochenende ihren ersten Geburtstag. Vor genau einem Jahr startete die erste Craftbeer-Bar der westdeutschen Millionenstadt, welche ursprünglich aus einer Verkaufsecke für Craftbier im Hürther Getränkemarkt M&C hervorgegangen ist. Kennengelernt hatte ich die Jungs passenderweise bereits am Tag der Tage für das Bierjubiläum, dem 500. Geburtstag des „Reinheitsgebots“, bei der Craftbeer Messe in Walberberg. Auf Basis ihrer Erfahrung und ihres Netzwerkes, was sich die drei Köpfe in den Jahren zuvor angeeignet und erarbeitet haben, wagten sie den längst überfälligen Schritt in der Domstadt endlich auch ein Taphouse mit Craftbier zu eröffnen. Während Berlin, Hamburg, München und sogar Düsseldorf bereits versorgt waren zog vor einem Jahr endlich auch Köln nach. Mein erster Besuch war im Januar diesen Jahres mit meinem Kollegen auf ein bis 10 Feierabendbierchen. Schon damals wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht, auch wenn man noch merkte, dass es hier und da noch etwas improvisiert wirkte. Zwei weitere Besuche später hat sich die CCC definitiv im Kölner Nachtleben etabliert, wie die Zahlen unten verdeutlichen. Und es ist weiterhin eine der wenigen Orte, wo man in Köln Craftbier vom Fass genießen kann, insofern man das ein oder Kölsch oder Hausbier nicht dazu zählt.

Mit meinem Biersommelier des Vertrauens Markus Weick machte ich mich also letzten Samstag Nachmittag nach Köln auf. Glücklicherweise öffnete die Corner bereits um 15Uhr, sodass ich es familienbedingt auch noch hingeschafft hatte. Da auch Markus Abends wieder nach Brühl zur seiner Eule zurück musste, waren wir eine der ersten Gäste und hatten somit auch das Glück vom 10l-Stichfass Maggel-Freibier etwas abzubekommen. Anlässlich des 1. Geburtstags haben die Jungs ihr erstes und inzwischen bekanntes Bier Wieß etwas stärker einbrauen lassen. Im schön geschmückten Ambiente und feierlicher Stimmung proBierten wir uns daneben einmal quer durch die Zapfkarte, wobei wir uns jeweils ein Bier teilten. Später stießen wir dann zur Gruppe der Kölner Bierhistoriker, die sich inzwischen auch in der Corner eingefunden hatten. Hierbei handelt es sich um einen mehr oder weniger kleinen Verein aus Hobbybrauern, die sich der Erforschung und dem Erhalt historischer Bierstile verschrieben haben. Dabei gibt es schon Patenschaften für etwa 20 fast ausgestorbene Bierstile, die nun wieder aufgelebt werden. Im Rahmen des Vereins hat sich zuletzt auch die Mikrobrauerei Craftbeer Creations Cologne (also witzigerweise ebenfalls CCC) am Heinenhof in Pulheim herausgebildet, in der nun etwas kommerzieller historische Biere gebraut und verkauft werden.

Hier ein paar interessante Zahlen und Fakten nach einem Jahr CCC auf einen Blick zusammengefasst:

  • >3500 Abonnenten auf Facebook,
  • >1800 Follower auf Instagram,
  • Top 3 Nominee – Bestes Bier Konzept 2017
  • Top 10 Bier, Bars & Brauer 2017,
  • ratebeer.com Bewertung 90,
  • >4800 untapped Checkins,
  • >570 Biere ausgeschenkt,
  • 29 Tastings & Verkostungen,
  • 3 Braukurse,
  • unglaubliche 23 Tap Takeover

Bierfacts:

  • CCC Veedels Maggel:
    – obergärig; ?%
    – stärkere Version (Imperial) des hauseigenen Wieß
    – zum Geburtstag war das 10l-Stichfass Freibier
    – würzig, frisch, herb, vollmundig, sehr lecker gehopft
    – wirklich sehr gelungen

  • Cantillon Rosé de Gambrinus:
    – spontangärig; 5,5%
    – Fruchtlambic, bei dem Himbeeren zur Mazeration hinzugefügt wurden
    – von der Brüsseler Brasserie aus Anderlecht mit angeschlossenem

    Musée Bruxellois de la Gueuze
    – neben dem klaren Fruchteinschlag ziemlich trocken sauer
    https://www.cantillon.be/rose-de-gambrinus?lang=fr

  • Moor Nor’Hop:
    – obergärig; 4,1%
    – leichtes (Ultra) Pale Ale
    – „Modern Real Ale“ von der 2007 gegründeten Brewery aus dem englischen Bristol
    – etwas bitter & trocken aber locker-leicht
    http://www.moorbeer.co.uk/ourbeers/

  • Jackie O’s Oil of Aphrodite:
    – obergärig; 10%
    – Double Stout mit Walnüssen gebraut und in Bourbon-Fässern gereift
    – seit 2005 aus dem US-amerikanischen Athen in Ohio
    – als Überraschungsgeschenk für einige Gäste
    – wirklich der extremste Geschmack nach Whisk(e)y & Süßholz, den ich je geschmeckt habe
    http://jackieos.com/brews/oil-of-aphrodite/

  • Omnipollo Triple Mango Crème Brûlée Lassi Gose:
    – obergärig; 7%
    – Gose mit Mango, Laktose & Vanille eingebraut
    – von der schwedischen Kuckucks-Brauerei, die das Bier von Buxton im englischen Derbyshire brauen ließ
    – alle Zutaten sind klar herausschmeckbar, erstaunlich wenig Säure aber viel Süße
    http://www.omnipollo.com/beer/

  • Freigeist Bierkultur + Stillwater Artisanal AMIS:
    – spontangärig; 8,5%
    – Lichthainer (Rauch-Gose) mit Aprikosen und Champagner-Hefe angesetzt
    – in Kooperation von Freigeist aus Stolberg & Stillwater aus Baltimore (Maryland) (Gründung 2010)
    – süß-sauer, leicht fruchtig, gewürzig & nach Gemüse schmeckend
    http://stillwater-artisanal.com/works.html

  • CCC Heinenhof ZA II RIS:
    – obergärig; 8,8%
    – Imperial Stout aus der Mikrobrauerei Heinenhof in Pulheim-Orr, die vor Kurzem ihren Betrieb aufgenommen hat
    – hervorgegangen ist diese aus dem Verein der Kölner Bierhistoriker
    – Mitbringsel von Michael aus dem Heinhenhof
    – das CCC ist nicht mit Craftbeer Corner Coeln zu verwechseln, sondern steht hier für Craftbeer Creations Cologne 😉
    – Aromen von Kaffee, Kakao, Fassreifung, Röstmalz, mehr süß als sauer
    https://www.heinenhof.de/mikrobrauerei/

Fazit:

Inzwischen weiß man ja schon was man gutes an der CCC hat. Aber das Geburtstagsfest war doch nochmal etwas anders, da feierlicher und interaktiver. Es war schön sich mit den Jungs und den Kollegen der Kölner Bierhistoriker auszutauschen und mal wieder unter Biernerds bierig fachzusimpeln. Auch die Biere und Bierüberraschungen waren wie immer sehr gelungen, hochwertig, interessant und lecker. Gerne war ich also Teil dieses ersten Geburtstagsfestes und wünsche der CCC nochmals nachträglich alles bierige Gute und viele weitere erfolgreiche Jahre. Und wenn Ihr auch mal diese Biervielfalt in Köln live erleben wollt, kann ich euch die Corner nur wärmstens ans Bierherz legen.

¡Craftbier für Coeln!

Mehr zur Veranstaltung unter: https://www.facebook.com/events/322598458213331/.

Weitere Informationen zur CCC unter: http://www.craftbeercorner.de

263. Einbecker Ainpöckisch Bier 1378

Am Tag 1 nach 500 Jahren Reformation gibt es nochmals ein wahres Luther-Bier. Denn kein Bier wird öfter mit dem Reformator Martin Luther in Verbindung gebracht als das Einbecker-Bockbier. So soll er erstmals am 17. April 1521 von Herzog Erich auf dem Reichstag zu Worms einen Krug Einbecker Bier erhalten haben und lobt es mit den Worten:

„Der beste Trank, den einer kennt, der wird Einbecker Bier genennt“

Das mindestens seit 1378 bestehende Brauhaus ist die Wiege der Bockbiere. Schließlich brauten die Niedersachsen schon zu diesen Zeiten als erste Brauerei deutlich stärkere Biere unter der weitgehenden Verwendung der heute üblichen Zutaten. Auch die bayrischen Bockbiere wurden in der Folge nur mit Unterstützung des damaligen Einbecker-Brauhaus entwickelt. Das heutige Braunternehmen (jährlicher Ausstoß 585.000 hl) besteht nach diversen Fusionen mit lokalen Brauereien seit 1967 als Aktiengesellschaft, die 1997 von der Kölner Ender & Partner Vermögensverwaltung AG mehrheitlich übernommen wurde, nachdem sie jahrelang zur Dortmunder Brau & Brunnen gehörte.

Seit einigen Jahren nun wird wieder versucht ein Bockbier nach ganz alter Tradition und Rezeptur zu brauen. Die heutige für Einbecker Biere bekannte Flaschenform wurde dabei seit der Einführung im 19. Jahrhundert nicht mehr verändert.

Übrigens hat das Einbecker Bier Luther wohl so gut geschmeckt, dass es wenig später auch zu seiner Hochzeit mit seiner Katharina (ihres Zeichens Heimbrauerin) ausschenken ließ.

 

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Ur-Bock
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . .  16.4°P
Alkoholgehalt. . . . . . 6,7%
Herkunft. . . . . . . . . . . Einbeck
Erscheinungsjahr. . .
(1378)

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___13
  • Aussehen:____________________11
  • Geruch:______________________12
  • Geschmack:__________________14
Fazit

Geruch: frisch, hopfig, herb, malzig, grasig
Geschmack: vollmundig, hefig, hellmalzig, Karamell, süßlich-herb, weich, leicht alkoholaromatisch, feinperlig, herber Abgang
Gesamt: Also sollte das heutige Bier wirklich auch schon damals so geschmeckt haben, wundert es mich überhaupt nicht, dass der Reformator es auch zu seiner Hochzeit hat ausschenken lassen. Definitiv eines der besten Bockbiere, die ich je getrunken habe. Da merkt man tatsächlich, dass die Einbecker ihr „Handwerk“ immer noch verstehen und es erklärt auch warum die Marke bis heute (weltweit) so erfolgreich ist. Zur Feier des heutigen Allerheiligen-Tages vergebe ich deshalb mit etwas Wohlwollen für das Ainpöckisch 1378 herausragende 14 Pkt. (1) und katapultiere es auf Platz 3 der dieses Jahr rezensierten Biere.

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.einbecker.de/bockbiere.html.

Weitere allgemeine Bier-Infos unter: https://www.einbecker.de/wissenswertes.html.

Und weitere Luther-Zitate über das Bier gibt’s hier: http://www.reinheitsgebot.de/startseite/bierkultur/luther-und-das-bier/luther-ueber-das-bier/.

Prost!

262. Reformator Pfloschenbier

31.10.1517 – 31.10.2017: 500 Jahre Reformation

So, nun ist es also soweit: 500 Jahre Reformation. Heute vor genau einem halben Jahrtausend soll der Theologe, Jurist und Mönch Martin Luther mit seinem Anschlag der 95 Thesen für eine erneuerte Kirche an die Schlosskirche zu Wittenberg den Beginn der Reformation markiert haben, aus der die bis heute bestehende Trennung der christlichen Kirche in die römisch-katholische und evangelisch-lutherische Konfession resultierte. Aus diesem historischen Anlass ist der Reformationstag zum ersten Mal in der Geschichte der BRD ein außerordentlicher und einmaliger bundeseinheitlicher Feiertag. Auch wenn sich heutzutage die beiden größten Konfessionen des Christentums wieder allmählich annähern, wurde ganz Europa durch die Reformation gespalten und geprägt. Mit seiner Kritik des Ablasshandels und der Entfernung der Kirche von den ursprünglichen Zielen der Lehre Jesu Christi sorgte Luther schon zu Lebzeiten für weitreichende Veränderungen der theologischen, politischen und gesellschaftlichen Struktur auf dem europäischen Kontinent. Nachdem er als erster Mensch die Bibel in Gänze in die deutsche Sprache übersetzte, musste er sich später unter falscher Identität auf die Eisenacher Wartburg zurückziehen, da er als vogelfrei erklärt wurde. Im Rahmen seines Untergrund-Wirkens machte er sich eine bedeutende Erfindung der damaligen Zeit zu Nutze: Im 15. Jahrhundert entwickelte der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck. Mit diesem Medium erreichte Luther eine für damalige Verhältnisse enorme Reichweiten seiner Thesen und konnte sich so effektiver mit seinen Unterstützern verbinden. Dabei war es niemals Luthers Ziel die Kirche zu spalten, doch führte die Reformation (und Gegenreformation) noch lange Zeit zu kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Heute beschränkt sich die Spaltung zum Glück nur noch auf den theologischen Bereich und lässt zusehends mehr Ökumene zu.

„Wer kein Bier hat, hat nichts zu trinken.“

Zeit seines Lebens war aber auch Bier stets ein enger Begleiter Luthers.  Offensichtlich verwöhnt von den hervorragenden heimischen Braukünsten seiner Frau (denn damals war das Bierbrauen noch fast vollständig in Frauenhand) hatte Luther auf Reisen immer recht hohe Ansprüche an den Gerstensaft. So sind bis heute viele Kommentare und Anekdoten über seine bierigen Reiseerlebnisse überliefert. Offensichtlich führte es mancherorts und zu mancher Zeit sogar dazu, dass er sich das heimische Bier abfüllen und nachschicken ließ. Das heutige Bier soll diesem nachempfunden sein. Dabei hat man sich für ein helles Bier entschieden. Da vor allem die Heimbraubiere damals recht volatil in ihrer Rezeptur waren und auch noch keinen konkreten Bierstil besaßen ist es natürlich schwierig ein solches Bier originalgetreu historisch nachzubrauen. Oftmals wurde nur zwischen einem untergärigen (Winter-)Braun- und einem obergärigen (Sommer-)Weißbier unterschieden, sodass man die heutigen Bierstile nicht als Maßstab anlegen kann. Allerdings beschleicht mich das Gefühl, dass hier aus fehlendem Mut zur historischen Kreativität schlicht ein Pils oder Helles gebraut wurde. Ein weiteres Indiz ist der Umstand, dass das Bier von der Brauerei Neuspringe, welche auch die anderen Luther-Biere produziert, für die bierundmehr GmbH gebraut wurde und somit nur als „Marketing-Gag“ herhalten muss. Aber lassen wir uns wie immer überraschen und feiern trotzdem dieses historische Ereignis gebührend mit diesem Reformator-Reisebier.

„Auf seinen Reisen musste der Reformator Martin Luther oft Bier trinken, dass diesen Namen nicht verdiente. Als er wieder einmal so ein übles Gebräu trinken musste, schrieb er an seine Frau Katharina von Bora, die selbst eine vorzügliche Braumeisterin war: ‚Gestern hatt ich einen bosen Trunk gefasset. Und sie möge doch ein Pfloschen ihres Bieres zu ihm schicken so oft sie könne.‘

Auch im stillen Gedenken an die vielen Opfer der Reformation & Gegenreformation.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Pils
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfen
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 4,8%
Herkunft. . . . . . . . . . . Leinefelde-Worbis/Landsberg
Erscheinungsjahr. . .
(1517)

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___14
  • Aussehen:____________________12
  • Geruch:______________________10
  • Geschmack:__________________10
Fazit

Geruch: hopfig, grasig, blumig, hellmalzig, etwas matt
Geschmack: „steinig“, hopfig-herb, süffig, mittelschwacher Körper, feinperlig, wenig Malz, klar, herber Abgang
Gesamt: Von den bisher proBierten Bieren der Luther Reihe mit dem Reformationsbier vom Beginn des Jahres sicher das Beste. Zwar kann ein Pils – und als solches ist dieses Bier deklariert – kein historisches Lutherbier sein, da das Pilsner erst 1842 entwickelt wurde, aber dafür ist es qualitativ völlig in Ordnung und stilgerecht. Sicher kann man auch hier von einer gewissen Verbrauchertäuschung sprechen, da man im Idealfall wirklich eine Originalrezeptur erwarten möchte, aber davon will ich an diesem heutigen Feiertag einmal absehen. Deshalb mit 500. Reformationstags-Bonus heute 10 Pkt. (2-).

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.lutherbier.de/produkte_pfloschenbier.html.

Prost & auf die Ökumene!

261. Luther Starkbier

Das dritte Luther-Bier um Bunde ist ein für die damalige Zeit recht unübliches Bier. So wurden damals Starkbiere meist nur zu besonderen Anlässen oder Jahreszeiten gebraut. Noch heute gibt es die Tradition im Mai oder Herbst stärkere Bockbiere zu brauen, die noch auf die Zeit zurück gehen, wo es verboten war im Sommer (zumindest untergärige) Biere zu brauen. Daneben kamen Starkbiere auch oft zum Einsatz, wenn man das Bier über längere Distanzen vertreiben wollte. Die meisten Biere (wie im Übrigen auch Weine) der damaligen Zeit jedoch hatten eher noch weniger Umdrehungen als heutzutage. Da Bier aus hygienischen Gründen nicht nur sprichwörtlich als Grundnahrungsmittel genutzt wurde, durfte es nur wenig Alkoholgehalt haben, damit man auch die tägliche Arbeit noch erledigen konnte. Auf der anderen Seite hatte es aber immer noch genug Stärke um den harten Alltag ertragen zu können. Wer das Glück hatte und weniger körperliche Anstrengung erfahren durfte, dem half das Bier zumindest aber bei Kreativität, Diplomatie oder Geselligkeit weiter.

„Wer die Musik verachtet, wie denn alle Schwärmer tun, mit denen bin ich nicht zufrieden. Denn die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk.“

Mehr zum Thema Bockbiere auch in meinem Bericht zum damaligen Tasting in der Brühler Eule.

Das Luther-Starkbier war übrigens das Bier des Jahres 2015 des ProBier-Clubs.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Bock
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfen
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 7%
Herkunft. . . . . . . . . . . Leinefelde-Worbis
Erscheinungsjahr. . .
(1517)

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___11
  • Aussehen:____________________12
  • Geruch:______________________7
  • Geschmack:__________________8
Fazit

Geruch: (metallisch, industriell) würzig, ganz leicht karamellig, alkoholaromatisch
Geschmack: vollmundiger, leicht bitter, dunkelmalzig, aber wenig Karamell, alkoholaromatisch, süßlich-herber Abgang
Gesamt: Insgesamt leider auch hier keine absolut hochqualitative Braukunst. Aber zumindest wird das Bier mit jedem Schluck besser. Wahrscheinlich handelt es sich hier um das Starkbier auf Basis des Reformationsbieres, das den Bierjubiläums-Rezensions-Beginn dieses Jahr markierte. Alles in allem hätte ich mir hier mehr Tiefe und Variation gewünscht. Aber zumindest im Vergleich zum gestrigen „Porter“ eine kleine Steigerung: 9 Pkt. (3+).

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.lutherbier.de/produkte_stark.html.

Prost!

260. Luther Porter

Nach dem gestrigen Urtyp folgt heute Reformations-Einleitungsbier #2. Namentlich handelt es sich hierbei eigentlich um ein Porter. Ein Bierstil, der vor allem im nördlichen Europa weit verbreitet war und teilweise noch ist. Dabei werden grundsätzlich die Familien des britischen und baltischen Porters unterschieden. Ersterer wird obergärig, letzterer untergärig gebraut. Zudem beinhaltet der britische mehr Röstaromen, während der baltische etwas süßer daherkommt. Zwischen diesen beiden Formen hat sich in früheren Zeiten aber auch eine deutsche Abwandlung des Porters entwickelt, der vor allem in Mitteldeutschland sehr beliebt war. Dieser wurde je nach Brauerei und Möglichkeit ober- oder untergärig gebraut und konnte auch geschmacklich variieren.

So wäre es für mich auch zu vermuten gewesen, dass ich es heute auch mit ebene diesem zu tun habe. Aber weit gefehlt: Die Brauerei Neuspringe, die das Bier herstellt, nennt als Bierstil hier „gesüßtes Schwarzbier“. Leider bestätigt dies auch der Blick auf die Zutatenliste, in der Invertzuckersirup auftaucht. Natürlich war mir klar, dass die Luther-Biere keine wirklich hochqualitative Braukunst darstellen, aber es ist schon schade, wie auch hier der Verbraucher etwas getäuscht wird. Auch wenn diese sich dabei auf eine alte Rezeptur beruft und es lieblicher Schwarztrunk nennt, entsteht doch der Eindruck, dass ein Porter ein gesüßtes Schwarzbier sei. Keineswegs möchte ich die historische Herkunft des Bieres grundsätzlich in Frage stellen, aber vielleicht hätte man es klarer formulieren können. Interessant wäre für mich auch zu wissen, wie dies mit dem hochgelobten „Reinheitsgebot“, das nur ein Jahr vor Luthers Thesenanschlag zumindest in Bayern verabschiedet wurde, vereinbar ist. Dürfen doch wenigstens in untergärigen Bieren (und das „gesüßte“ Schwarzbier gehört dazu) bis auf chemische Hilfsstoffe nur Gerstenmalz, Hopfen und Hefe eingesetzt werden. Nicht, dass ich an die heutigen Gesetzgebungen festhalten will – im Gegenteil – aber hier wird auch ohne expliziten Verweis auf das „Reinheitsgebot“ zumindest unbewusst getäuscht. Ein Blick auf die Flasche zeigt dann hier die Lösung: Es ist einfach als „Biermischgetränk“ deklariert… Auf Basis dessen wirkt folgendes Luther-Zitat auf der Website etwas unaufrichtig:

„Wie viele gibt es jetzt, die das Evangelium rühmen und um desselben willen einen Heller willig verlieren oder ihren Geiz und Mutwillen lassen? …. Ebenso machte kein Bürger, könnte er sein Dünnbier für Bier verkaufen, sich ein Gewissen davon.“

Aber ich will natürlich nicht vorschnell urteilen und lasse mich gerne auch eines Besseren belehren.

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . (Schwarzbier)
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Invertzuckersirup, Hopfen
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 4,9%
Herkunft. . . . . . . . . . . Leinefelde-Worbis
Erscheinungsjahr. . .
(1517)

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___11
  • Aussehen:____________________11
  • Geruch:______________________9
  • Geschmack:__________________7
Fazit

Geruch: (metallisch, industriell,) malzig, matt, süßlich, getreidig, wenig waldig
Geschmack: zuckersüß, dunkelmalzig, etwas rotfruchtig, leicht bitter, sehr süffig, wenig Körper, wenig spritzig, süßlich-herber Abgang
Gesamt: Also wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten hier handelt es sich um alkoholhaltiges „Malzbier“. Während der Geruch noch wenig Süße erahnen lässt, kommt der Zuckersirup am Gaumen voll durch. Ich verstehe zwar immer noch nicht, warum man so etwas unter solch einem Titel braut, aber hieran erkannt man zumindest die historische Verknüpfung von früheren und heutigen Malzbieren. Gibt es heutzutage fast ausschließlich nur alkoholfreie Varianten, war früher die Biersüßung in Teilen auch recht üblich bei normalhaltigen Bieren. Im Sinne des Vielfaltsgedankens also tatsächlich löblich. Doch: Bei diesem Bier verschwimmen die Grenzen zwischen Porter, Schwarzbier und Malzbier, die der Bierlaie nicht mehr nachvollziehen kann. Deshalb mit 8 Pkt. (3) vielleicht auch ein etwas hartes Urteil.

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.lutherbier.de/produkte_porter.html.

Prost!

259. Luther Urtyp

So, dann wolln ma mal. Start meiner Bierjubiläum-Festwoche zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation. Nachdem ich letztes Jahr ja selbst den Anlass eines 500-jährigen Jubiläums für meinen Blog genutzt hatte, freue ich mich umso mehr heute und in der kommenden Woche diesem historischen Ereignis die entsprechende Würde zukommen zu lassen. Dabei greife ich die Verbindung von Reformation und Bier ganz bewusst auf, schließlich war es Martin Luther selbst der ein leidenschaftlicher Bierfreund war und sich von seiner Frau regelmäßig mit hauseigenem Bier versorgen ließ. Aber auch darüber hinaus ließ er sich auf Reisen nicht ganz unerheblich vom Gerstenbräu inspirieren, ohne dem – kühn behauptet – wohl keine Reformation zustande gekommen wäre. Auch wenn diese selbstverständlich erst nach Luthers Tod seinen Lauf nahm und leider bis heute nicht aufgelöst ist, war doch das Bier ein mitentscheidendes Medium der Luther’schen Kreativität, die überhaupt erst den theologischen Diskurs in dieser Form möglich machten.

Bereits zu Beginn des Jahres widmete ich meinen ersten Beitrag dem Reformationsbier der Marke Luther. Zwar handelt es sich selbstverständlich nicht mehr um ein wirklich authentisches Luther-Bier – wird es doch inzwischen von der Brauerei Neuspringe gebraut – dafür ist es die einzige Marke, die dem ehemaligen Juristen und Mönch ein Bier widmet. Und zumindest wird es überregional auch in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg im thüringischen Worbis hergestellt. Außerdem ist es vom Bierstil an diejenigen orientiert, die Luther auch damals getrunken und gemocht hatte. Vor allem dunkel und etwas stärker im Alkoholgehalt. Steigen wir also ein in die Welt Luthers des 16. Jahrhunderts:

„Ach, ich weiß leider sehr genau, dass Ärgernisse kommen müssen, und es ist deshalb kein Wunder, wenn ein Mensch fällt. Das aber ist ein Wunder, wenn ein Mensch aufsteht vom Falle und danach stehen bleibt.“

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Schwarzbier
Brauart
. . . . . . . . . . . untergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Hopfen
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 5,2%
Herkunft. . . . . . . . . . . Leinefelde-Worbis
Erscheinungsjahr. . .
(1517)

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___11
  • Aussehen:____________________10
  • Geruch:______________________10
  • Geschmack:__________________10
Fazit

Geruch: klar malzig, röstig, Karamellsüße, aber auch ein wenig blumig-frisch
Geschmack: weniger Körper als erwartet, trotzdem vollmundig, kaum Hopfen, dafür viel dunkles Malz, ein wenig Schokolade, wenig spritzig, süßlicher Abgang
Gesamt: Sicher kann man hier keine High-Class-Kreativitätsbraukunst erwarten, aber ich war schon überrascht wie süffig-süß und weich ein Schwarzbier schmecken kann. Es ist wohl ein Beispiel eines Schwarzbieres am Rande eines Dunkel oder Porters mit klar süffiger Ausrichtung. Leider kann man ja nicht mehr genau nachvollziehen, welche Biere Luther damals getrunken hat, aber es ist vorstellbar, dass ein solches dabei war. Für den Einstieg in die Reformations-Festwoche wohl aber ein würdiges Bier: 10 Pkt. (2-).

Weitere Infos zum Bier unter: https://www.lutherbier.de/produkte_urtyp.html.

Prost!

258. Uiltje Grandma’s Cooking Recipes Vol. 2- Lemon & Vanilla Cheesecake Witbeer

Bevor es morgen in die historische Luther-Woche des 500-jährigen Reformationsjubiläums geht, wird es heute nochmals etwas experimenteller.

Dabei geht es wieder mal in eines der niederländischen Bierzentren nach Haarlem. Dort wird seit 2012 kreativ mit natürlichen Zutaten gebraut. Wie es sich für eine moderne Craftbier-Brauerei gehört sind dabei schon unzählige Biere entstanden, die regelmäßig die Regale von guten Bierhändlern füllen. So im Übrigen auch im Bad Godesberger P&M-Getränke, die immer eine gute Auswahl vorrätig haben. Nach dem Rice Rice Baby ist es für mich mein zweites Bier dieser Brauerei, die hervorragend in meine Jahresreihe „Alternative Getreide & weitere natürlich Zutaten“ passt. Von daher kann man das heutige Bier sozusagen als Nachzügler bezeichnen. Zwar heißt es Witbier, ist streng genommen aber kein richtiges. Denn selbst in Belgien, wo man zum Glück kein Reinheitsgebot hat gibt es eine Stildefinition dafür, die hier eigentlich Koriander und Orangenschalen vorsehen. Uiltje hingegen hat diese beiden Zutaten substituiert und Zitrone sowie Vanille mit in den Sudkessel geworfen, sodass ein Geschmackserlebnis nach Omas gutem alten Käsekuchen versprochen wird.

„All natural? Check! Painstakingly authentic? Check, check, double check! – A NY-style creamy cheese cake boiled down to a summer like refreshing wit beer. – Welcome to the big apple! Again 100% Granny proof.“

Steckbrief

Stil. . . . . . . . . . . . . . . Witbier
Brauart
. . . . . . . . . . . obergärig
Zutaten. . . . . . . . . . . Gerstenmalz, Weizen, Zitrone, Vanille, Hopfen, Hefe
Stammwürze
. . . . . . 
Alkoholgehalt. . . . . . 5,5%
Herkunft. . . . . . . . . . . Haarlem / Niederlande
Erscheinungsjahr. . .
2017

Bewertung

  • Flaschendesign + Kronkorken:___7
  • Aussehen:____________________7
  • Geruch:______________________8
  • Geschmack:__________________9
Fazit

Geruch: sehr spritzig-zitronig, säuerlich, leicht blumig
Geschmack: wenig säuerlich, dumpf-fruchtig-süß nach Litschi, Zitrone, Mango & Limette, wenig Körper aber nicht süffig, etwas bitter, feinperlig, säuerlicher Abgang
Gesamt: Grundsätzlich war ich ja schon vorher skeptisch, inwiefern ein Witbier zu Omas Käsekuchen passen kann. Und meine Skepsis war nicht ganz unangebracht. Zwar ist es in der Tat zitroniger und süßer als die traditionelle Witbier-Verwandtschaft, aber ist in etwa so weit entfernt von einem Käsekuchen wie China von einer lupenreinen Demokratie. Sicher ist es löblich sich auch mal an solche Experimente zu wagen, aber vielleicht sollten einige Craft-Brauer doch wieder verstärkt auf Qualität, denn auch Quantität setzen. Obschon dies selbstredend eine individuelle persönliche Einschätzung ist, die viele bestimmt nicht teilen und das Bier empfehlen würden. Trotzdem kann ich hier nicht mehr als 8 Pkt. (3) vergeben.

Weitere Infos zum Bier unter https://www.uiltjecraftbeer.com/brewery-our-mission/.

Prost!