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23.04.1516 – 23.04.2016: 500 Jahre Reinheitsgebot – (K)ein Grund zum Jubeln?

Heute ist es nun soweit: Das „Reinheitsgebot“ (wie es heutzutage genannt wird) feiert seinen 500. Geburtstag! Höchste Zeit also für eine Hülle und Fülle an Gratulationen und Glückwünschen?! Ich würde sagen ja, aber…

TagdesdeutschenBieres

Damals wie heute ist dieses Reinheitsgebot nicht unumstritten. War es damals noch die scheinbare Preissicherheit und die Zentralisierung des Braurechts bei der herrschenden Elite, ist heute vor allem die aktuelle Rechtslage sowie die Abnutzung des Begriffs als Marketinginstrument größter Kritikpunkt der Gegnerschaft. Bei all der Kritik wird allerdings häufig vergessen, dass wir in Deutschland mit einer der vielfältigsten und hochwertigsten Bierlandschaft der Welt gesegnet sind, die sicher auch zu einem Teil auf die nun schon 500 Jahre bestehenden Beschränkungen des Bierbrauens zurückgeht. Was ist also dran an all der Kritik, die sich insbesondere im Jubiläumsjahr im Netz und in den Medien ausbreitet?

Festzuhalten bleibt, dass es das (deutsche) Reinheitsgebot so nicht gibt. Erst einmal hat es viele Jahrhunderte gebraucht bis sich das Gebot in ganz Deutschland durchsetzen konnte, wobei es im Laufe der Zeit immer mal wieder modifiziert wurde. Dabei gab es (siehe Beispiel DDR) und gibt es bis heute immer wieder Ausnahmen vom „strengen“ Reinheitsgebot. Zudem ist die derzeitige Biergesetzgebung derart inkonsequent, dass das Label „gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot“ eigentlich kaum noch ein wirkliches Qualitätsmerkmal ist. Ohne mich in die lange Reihe der Kritiker einreihen zu wollen, muss alleine ganz grundsätzlich bemängelt werden, dass es eine derart unterschiedliche Regelung zu unter- und obergäriger Brauart gibt. Es ist kaum vermittelbar, warum in untergärigen Bieren bis heute nur Gerstenmalz, Hopfen und Hefe eingesetzt werden darf, wohingegen bei obergärigen Bieren auch Weizen, Roggen und Hafer sowie Rohr-, Rüben-, Invert- und Stärkezucker, Süßstoffe und daraus hergestellte Farbstoffe Verwendung finden dürfen. Der größte Kritikpunkt hingegen ist wohl, dass trotz dieser reinlichen Vorschrift die Möglichkeit besteht allerhand sogenannter Lebensmittelzusatzstoffe beizumengen, um beispielsweise die Naturtrübung des Bieres zu entfernen. Vor allem die Diskrepanz zwischen der erlaubten Verwendung von chemischen Hilfsstoffen und alleine des Verbots von anderen Getreidegattungen wie Reis, Mais oder Hirse, unterstreicht für mich die Fragwürdigkeit des heute geltenden Biergesetzes.

Meiner Ansicht nach Bedarf es also einer Reform (nicht Revolution) des heutigen „Reinheitsgebots“. Dabei sollten folgende Punkte berücksichtigt werden, die zukünftig für ein deutsches Bier gelten sollten:

1. Genehmigung der Verwendung aller Formen von Getreidemalz – dabei gelten folgende Pflanzen als Getreide:

  • Gerste
  • Weizen und dessen Arten wie z.B. Einkorn, Emmer oder Dinkel
  • Roggen
  • Hafer
  • Reis
  • Mais
  • Hirse (Rispen- und Kolbenhirse, Sorghum sowie alle weiteren Arten)
  • sowie alle daraus entstandenen Kreuzungen wie Triticale oder Secalotricum

2. Möglichkeit der zusätzlichen Verwendung von allen oben genannten Getreiden als Rohfrucht

3. Klare Vorgabe zur ausschließlichen Verwendung folgender Zusatzstoffe:

  • Direkte Getreideprodukte (z.B. Maltose)
  • Pseudogetreide (wie Buchweizen, Quinoa oder Amaranth)
  • Grut (Biergewürze wie Porst, Gagel, Schafgarbe, Heidekraut, Wacholder, Beifuß o.a.)
  • weitere natürliche Zutaten wie Zucker, Salz, Gewürze, Früchte oder Gemüse in möglichst unverarbeiteter Form und angemessenem Anteil

4. Ausschluss bzw. strenge Begrenzung der (chemischen) Lebensmittelzusatzstoffe, Konzentrate & Extrakte welche in der Bierherstellung (keine) Verwendung finden dürfen

5. vollumfängliche Kennzeichnung und Ausweis aller verwendeten Hauptinhalts- sowie Zusatzstoffe

Zudem wäre unabhängig der Zutatendiskussion eine klare Darstellung des tatsächlichen Brauortes sowie bei abhängigen Brauereien auch die Nennung der zugehörigen Braugruppe/Großunternehmens auf dem Bieretikett sehr  wünschenswert.

Dabei soll es niemals darum gehen strenge Vorschriften zur Lebensmittelqualität aufzuweichen, sondern die heutzutage stark dezimierte Biervielfalt Deutschlands wiederzubeleben und mit dem fraglos sehr hohen Brau-Know-How deutscher Bierproduzenten neue hochwertige Biere zu kreieren. Die Reform des Reinheitsgebots würde überdies auch Vorteile für die deutschen Brauer bereithalten. So könnte man mit Reis- oder Maisbieren einen ganz neuen Massenmarkt für günstigere Biere eröffnen. Gleichzeitig würden die „klassischen“ Biere nach dem traditionellen Reinheitsgebot aufgewertet. Zudem hätte man mit modernen kreativen Bieren eine wohl weitaus größere Chance die Jugend (aber auch Erwachsene) wieder zum Bier trinken zu gewinnen, als mit irgendwelchen Biermischgetränken.

Ein Vorschlag zur Güte wäre meiner Meinung nach deshalb eine Kategorisierung von Bieren. Je nach Verwendung von Hauptinhalts- oder Zusatzstoffen (unabhängig der Brauart), wird es einer von fünf Klassen zugeordnet. Folgende Übersicht soll das einmal verdeutlichen:

Dabei wird je nach Rezeptur zwischen Reinheitsgebotskonform oder nicht unterschieden. Darüber hinaus dürfen sich Biere der ersten drei Klassen noch mit einem zusätzlichen Gütekriterium versehen lassen.

Im Fokus des Bierbrauens sollte auch in Zukunft unabhängig des Bieres die grundsätzliche Verwendung von hochwertigen Zutaten stehen. Ein neues für alle Reinheitsgebotskonformen Biere geltendes Gütesiegel könnte dabei für mehr Verbrauchersicherheit sorgen. Eine Arbeitsversion könnte in etwa so aussehen:

Alle weiteren in Deutschland produzierten Biere könnten sich selbstverständlich auch Bier nennen (auch das ist heute noch nicht möglich), insofern sie bestimmte weitere Kriterien (wie Malzanteil, Verwendung von Hopfen oder Hefe etc.) erfüllen. Zudem sind natürlich alle aktuell geltenden Ausnahmen von dieser Regelung weiterhin ausgenommen. Meiner Ansicht nach sollte überdies angestrebt werden, diese allumfassende Regelung auch auf die importierten Biere aus dem Ausland anzuwenden, um dem Verbraucher eine möglichst hohe Transparenz und Sicherheit zu geben. Da diese Regelung deutlich internationaler orientiert ist, sollte dies auf geringeren Widerstand stoßen.

Nur somit kann das Reinheitsgebot wieder das sein, was es seit jeher sein sollte, aber durch unterschiedlichste Missbräuche niemals so recht wurde: Ein Qualitätsmerkmal für allerhöchste Braukunst und hochwertigste Zutaten.

Weitere Informationen zum Reinheitsgebot an dieser Stelle unter: 45. & Das Reinheitsgebot

Zudem hier noch einige ausgewählte interessante Links zum Thema:

http://reinheitsgebot.de/startseite/

http://www.welt.de/icon/article153626650/Warum-man-das-Reinheitsgebot-endlich-kippen-sollte.html

http://www.welt.de/sonderthemen/bierreport/article148093684/Warum-sollte-das-Reinheitsgebot-noch-aktuell-sein.html

http://blogs.faz.net/bierblog/

http://deutschekreativbrauer.de/das-natuerlichkeitsgebot/

http://www.taz.de/Zum-Start-der-Gruenen-Woche/!5265757/

http://www.bier1516.bayern/biergeschichten.html

http://www.online-beilage.idowa.de/beilagen/archiv/20160122_reinheitsgebot/index.html#1

http://www.lieblingsbier.de/2015/04/23/wir-brauchen-ein-reinheitsgebot-2-0/

http://www.slowfood-hamburg.de/reinheitsgebot/

http://www.besser-bier-brauen.de/so-siehts-aus/das-reinheitsgebot-die-reine-wahrheit/

http://bier-scout.de/500-jahre-bayerisches-reinheitsgebot-kein-grund-zum-feiern/

http://www.besser-bier-brauen.de/kolumnen/so-siehts-aus/das-reinheitsgebot-die-reine-wahrheit/

http://www.beerkeeper.news/neues-zum-thema-reinheitsgebot

http://www.transgen.de/datenbank/lebensmittel/2095.bier.html

In diesem Sinne also nochmals alles Gute zum 500-Jährigen!

Ein Prosit auf das Reinheitsgebot!

500!

500Liebes Reinheitsgebot,

herzlichen Glückwunsch zu Deinem 500. Geburtstag. Lass Dich ausgiebig und feucht-fröhlich feiern und genieße Deinen Ehrentag.

Hier ein kurzer Überblick über die Feierlichkeiten:

https://www.google.de/search?q=500+jhare+reinheitsg&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=WGobV7TuFcepsAHJpZSgBQ#q=500+jahre+reinheitsgebot&tbm=nws

Wir wünschen Dir alles Gute für die Zukunft. Auf, dass Du in neuer Form zur alten Stärke zurückkehrst.

In tiefer Verbundenheit

Dein Team vom Bierjubiläum

Prost!

50. 20 – HopfenWeizenBock

Noch keine Woche ist das Ereignis des Jahres mehr entfernt. Zeit also um in die heiße Phase des Bierjubiläums einzusteigen. Und das werde ich gebührend einläuten mit einem Geschenk vom Brühler Biersommelier Markus Weick, den ich ja zur Bierverköstigung in diesem Monat zum Thema 500 Jahre Reinheitsgebot unterstützte. Dabei handelt es sich um zwei Biere, die anlässlich dieses Jubiläums von Junior-Brauern des Verbandes Privater Brauereien kreiert wurden.

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Der Verband Private Brauereien organisiert eigenständige mittelständische Brauereien in ganz Deutschland. Da diese tatsächlich zumindest von der Anzahl her gesehen noch eine breite Mehrheit der Brauereien ausmachen, ist der Verband entsprechend stark besetzt. Unter anderem engagiert sich der Verband für die folgenden Interessen:

  • Förderung regionaler Rohstoffe ohne Gentechnik
  • Engagierter Einsatz für den Erhalt der Biervielfalt
  • Konsequente Beibehaltung des Reinheitsgebots von 1516
  • Aktives Mitwirken an Gesetzesvorlagen, national und in der EU
  • Erhalt der Biersteuermengenstaffel, damit auch in Zukunft kleine und mittelständische Privatbrauereien eine wirtschaftliche Basis haben
  • Veranstalter des internationalen Bierwettbewerbs „European Beer Star

Organisiert in vier Regionalverbänden bietet der Verband diverse Dienstleistungen für seine Mitglieder an. Unterstützung wird auf folgenden Gebieten gegeben:

  • Betriebswirtschaft
  • Marketing/Vertrieb
  • Recht
  • Versicherung
  • Arbeitsschutz/Betriebssicherheit
  • Technik
  • Umweltschutz
  • Ausbildung
  • Seminare

Die jungen Brauer der Verbandsbrauereien haben anlässlich des Bierjubiläums das Projekt 2016 ins Leben gerufen. Dabei wollen sie zeigen, dass das Reinheitsgebot aktueller und innovativer denn je ist. Zu den bekannten 4 Rohstoffen Wasser, Malz, Hopfen und Hefe fügen sie ihre Kreativität und ihr brautechnisches Know-How als fünftes Element hinzu und kreieren – wie sie es bezeichnen – zwei klasse innovative Genussbiere.

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Beginnen möchte mit der 20. Einem sogenannten Hopfen-Weizen-Bock, das auf dem Rücklabel wie folgt beschrieben wird:

„Unser HopfenWeizenBock vereint das Beste aus zwei Welten: Fruchtige Aromen, sowohl von der charaktervollen obergärigen Hefe, als auch vom feinen Aromahopfenspiel, ein vollmundiger Körper mit edlem Prickeln und eine dezente Bitternote, die so richtig Lust auf den nächsten Schluck macht.
Über dem Bier thront ein fester, cremiger Schaumhimmel, das schönste Zeichen für ein perfektes Weißbier – wohl bekomm’s“

 

Steckbrief

50_20-Steckbrief

Bewertung

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  • Flaschendesign + Kronkorken

Als Kronkorken-Sammler ist der „Plöpp“-Verschluss der natürliche Feind. Heute habe ich mich dazu entschlossen, mich mit diesem in ganz christlicher Manier zu verbrüdern. Eine sehr schöne kleine Bügelflasche mit einem ebenso schönen Etikett.

  • Aussehen

Ein sattes und naturtrübes bernstein-gold, gepaart mit einer weizen-typischen sehr guten Schaumbildung. Also auch hier kaum etwas auszusetzen.

  • Geruch

Es wird immer spannender. Sieht man vom Hopfenweisse von Schneider Weisse ab, habe ich noch nie einen derarigen hopfigen Geruch beim Weißbier vernommen. Zudem kommen die schon versprochenen Zitrusfrucht-Noten deutlich heraus.

  • Geschmack

Interessanterweise dominieren die Hopfennoten den Geschmack nicht derart. Vielmehr ist es malzsüßlich und leicht alkoholaromatisch. Was bei knapp 9 Umdrehungen ja auch nicht ausbleibt. Herbere hopfige Zwischentöne werden von einer dumpfen Fruchtnote unterstrichen. Leider ist es nicht ganz so frisch, wie versprochen, Dafür ist der Abgang erstaunlich harmonisch. Recht ölig und süßlich, kommt erst ganz spät eine gewisse Herbe durch.

  • Fazit

Wer über Biervielfalt im Bierjubiläumsjahr philosophiert, für den ist das 20 definitiv das Non-Plus-Ultra. Hintergrund und Präsentation sind in der Tat auch erstklassig. Dass es jedoch auch hier nicht die Bestnote gibt, liegt an dem Umstand, dass mir das Bier tatsächlich doch etwas zu experimentell und alles in allem auch zu süßlich ist. Nichtsdestotrotz erreicht es verdientermaßen herausragende 14 Pkt. (1).

50_20-Bewertung

Für weitere Infos rund um den Verband Private Brauereien siehe http://www.private-brauereien.de/de/index.php.

Zum Projekt 2016 der Junioren geht hier entlang:  http://www.private-brauereien.de/de/private-brauereien/projekt-2016-der-junioren/index.php.

Zudem bietet der Verband auch umfangreiche interessante Informationen zum Reinheitsgebot: http://www.private-brauereien.de/de/reinheitsgebot/index.php.

Und vielen vielen Dank nochmals an Markus! (http://wordpress.99biere.de)

Prost Reinheitsgebot!

45. 500 Jahre Reinheitsgebot – Bierverköstigung April

Schneider Weisse Tab 5 – Meine Hopfenweisse | Ayinger Jahrhundert Bier | Herrnbräu Tradition | Bolten Ur-Alt | Lausitzer Porter | Weißenoher Classic Export | Maisels & Friends Pale Ale | Aecht Schlenkerla Rauchbier Märzen | La Trappe Witte Trappist | Tripel Karmeliet

Anlässlich des Bierjubiläum-Monats stand vergangenen Montag ein ganz besonderes Thema zur Bierverköstigung in der Kierberger Eule an: 500 Jahre Reinheitsgebot. Besonders war aber vor allem auch, dass nicht nur Markus Weick durch den Abend führte, sondern auch ich die Gelegenheit hatte Biere zu präsentieren und zum Thema Reinheitsgebot zu referieren. Folgerichtig, wenn man sich das Bierjubiläum anschaut ;). Als Gast durfte ich außerdem Alex begrüßen, der den weiten Weg aus Osnabrück auf sich genommen hatte, um diesem historischen Ereignis beizuwohnen.

Bei den letzten Vorbereitungen der Präsentationsfolien, wärmten wir uns schon einmal mit einem Schneider Weisse Tab 5 – Meine Hopfenweisse auf. Ein wahrlich interessantes Bier. In Zusammenarbeit einer US-amerikanischen Craft-Beer-Brauerei wurde dieser Doppelbock entwickelt und zeichnet sich ganz besonders durch die Kalthopfung aus, welche dem Bier eine besondere Hopfennote verleihen, sodass man die mehr als 8% Alkohol gar nicht so sehr merkte. Die Kalthopfung (auch Hopfenstopfen genannt) wurde übrigens erst nachträglich in den vergangenen Jahren als Reinheitsgebots-konform zugelassen – womit wir auch schon gleich beim Thema wären.

Nach einer guten Schnitzel-Stärkung vom Wirt des Hauses ging es dann auch mit dem ersten offiziellen Bier los: Das Ayinger Jahrhundert Bier.

Ayinger Jahrhundert Bier

Der Name ist daher begründet, dass es in den 1970ern zum 100-jährigen Bestehen der Brauerei eingebraut wurde. Es muss derart erfolgreich gewesen sein, dass man es ins permanente Sortiment mit aufnahm. Das Besondere an diesem Bier ist der Bierstil des Export Hell. Halb Export, halb Hell vereint es eine recht hohe Würzigkeit mit einer gewissen Süffigkeit. Den Einstieg in das Thema Reinheitsgebot bot dabei das Etikett, welches das in Bayern übliche „gebraut nach dem bayrischen Reinheitsgebot“ trug.

Das war dann auch mein Einstieg mit der Präsentation des Herrnbräu Tradition. Ein Bier, welches nicht passender sein könnte für einen Abend wir diesen. Zum Einen kommt es aus der Geburtsstadt des heutigen Reinheitsgebots Ingolstadt, zum Anderen wird es anlässlich des Jahrestages des Bierjubiläums im April gebraut.

Herrnbräu Tradition

Geschmacklich konnte es mich auch überzeugen, ohne, dass eine besondere Klasse herausstach. Eine Flasche für zu Hause durfte ich mir dann sogar auch noch mitnehmen. Ich wüsste auch schon eine Gelegenheit, wann ich mir diese zu Gemüt führe…

Was folgte, war eine grundsätzliche Einführung in die Fragestellung: Was ist eigentlich genau das Reinheitsgebot und wie hat es sich in den vergangenen 500 Jahren entwickelt.

Reinheitsgebot - UrspungReinheitsgebot - Entwicklung

Insbesondere der Unterschied zwischen unter- und obergäriger Brauart sowie die historischen Hintergründe wurden dabei thematisiert. Dabei sei auch nochmals hervorzuheben, dass es sich beim Reinheitsgebot nicht nur um ein Verbraucherschutzgesetz handelte, sondern auch früher wie heute als Marketinginstrument zur Abgrenzung zu ausländischen Bieren herhält. Profitiert haben deshalb nicht nur die Biertrinker, sondern in erster Linie die Politik und Bierwirtschaft (früher Wittelsbacher – heute Braukonzerne).

Bevor es aber mit einer juristischen Vertiefung weiterging, durfte ich endlich das kölsche Land missionieren. Ohne selbst auf die Idee gekommen zu sein und auch ohne provozieren zu wollen, hatte ich die Ehre mit dem Bolten Ur-Alt das älteste Altbier der Welt unter die Leute zu bringen.

Bolten Ur-Alt

Das Alt wird übrigens tatsächlich deshalb so bezeichnet, da es einer der ältesten noch verbliebenen Bierstile Deutschlands ist. Auch wenn es natürlich unverbesserliche Kölsch-Liebhaber gab, kam das Bier zu Recht insgesamt sehr gut an.

Anknüpfend an die theoretischen Ausführungen zum Reinheitsgebot, ging ich dann auf die deutsche Gesetzgebung zum Bier ein.

Deutsche Bier Gesetzgebung

Dabei seien zwei geographische Besonderheiten herauszustellen, die darauf basieren, dass die Interpretation der Biergesetzte und -verordnungen bis heute Ländersache ist. Während in den südlichen Bundesländern weiterhin das strengste aller Reinheitsgebote gilt und Zucker dort grundsätzlich verboten ist, kann dieser und weitere Zutaten aus historischen Gründen bei speziell zugelassenen Bierstilen in der ehemaligen DDR verwendet werden (glücklicherweise sind jedoch nicht mehr alle damals jenseits des Eisernen Vorhangs zugelassenen Zutaten erlaubt). So ist es bis heute nicht gelungen für Gesamtdeutschland eine einheitliche juristische Norm zu finden, sodass im Einzelfall immer wieder Ausnahmeregelungen zum traditionellen Reinheitsgebot vor Gericht erstritten werden (müssen). Als interessanten Hintergrund erläuterte Markus, dass das Bewerben oder Vermarkten des heute recht beliebten Hausbrauens bis in die 1990ern in Deutschland verboten war. Untersagt war sowohl der Verkauf von Zutaten oder Hilfsmittel als auch die Inumlaufnahme von Anleitungen zum Hausbrauen.

Neben der Leipziger Gose ist eines der bekanntesten der besagten Ausnahmen das Lausitzer Porter.

Lausitzer Porter

Während bei anderen Bieren der zugesetzte Zucker kaum oder gar nicht herausschmeckbar ist (siehe 34.), ist dieser beim Lausitzer Porter leider derart dominant, dass es höchstens zum Dessert eine gute Figur machen würde.  Aber im Sinne der Biervielfalt sicher eine gute Idee.

Jenseits des Reinheitsgebotes stellte Markus, dann auch noch weitere Zutaten vor, die häufig (außerhalb des deutschen Biergesetztes) zur Bierherstellung verwendet werden:

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Den Abschluss der offiziellen Verköstigung bot das Weißenoher Export Classic. Seines Zeichens ebenfalls ein Export Hell, womit der Kreis des Abends geschlossen wäre.

Weißenoher Export Classic

Das Besondere am Export Classic ist jedoch etwas Anderes. Als Bio-Bier definiert es die Maßstäbe von Reinheit ganz neu und öffnet somit die Perspektive eines ganz neuen Reinheitsgebotes. Geschmacklich konnte es zwar nicht mit den ersten drei Bieren mithalten (was aber auch an dem zuvor getrunkenen Porter liegen konnte), allerdings ist zu erwarten, dass der Markt von und für Bio-Biere auch in Zukunft weiter wachsen wird.

Zu Übersicht nochmals alle präsentierten Biere:

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Da ich selbst zu sehr mit der Präsentation beschäftigt war, an dieser Stelle die Hitliste von Alex:

  1. Bolten Ur-Alt
  2. Ayinger Jahrhundert Bier
  3. Herrnbräu Tradition
  4. Lausitzer Porter
  5. Weißenoher Classic Export

Es folgen Impressionen vom Abend:

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Im Anschluss an die große Verköstigung hatte ich dann noch die Gelegenheit mit Alex zwei weitere Biere aus dem reichhaltigen Sortiment der Eule zu probieren: Das Maisels & Friends Pale Ale und das Aecht Schlenkerla Rauchbier Märzen. Auch wenn ich beide bereits kannte, sind dies doch zwei sehr schöne Beispiele, wie groß die Biervielfalt selbst unter dem Reinheitsgebot sein kann.

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Als Absacker des Abends genehmigten wir beide uns dann noch zwei Biere aus meiner kleineren aber doch auch recht vielfältigen Bierauswahl:

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Während sich Alex das Witte Trapist von La Trappe einverleibte, hatte ich mit dem Tripel von Karmeliet vorliebgenommen. Zu diesem sei gesagt, dass es nicht nur vom Bierstil her ein Tripel ist, sondern auch mit Gersten-, Weizen- und Hafermalz gebraut wurde. Auch wenn ich die Verwendung von weiteren Getreidesorten wie Hafer, Reis, Mais oder Hirse ausdrücklich befürworte und hoffe, dass es hiervon zukünftig mehr auf dem Markt gibt, konnte das Karmeliet leider nicht sehr überzeugen, da es zu viel Malzsüße besaß. Das Trappist hingegen war für ein belgisches Bier außerordentlich bekömmlich.

Wie wichtig das Thema Reinheitsgebot auch medial wahrgenommen wird, zeigt das folgende Beispiel, dass Alex auf der Rückreise aus Brühl nach Osnabrück im Zug gefunden hat:

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Ein Glück, dass ich meinen Bart vor dem Abend noch gestutzt hatte… 😉

Mit voller Vorfreude auf die kommenden Verköstigungen – von denen ich selbstverständlich wieder berichten werde – verabschiede ich mich in den Abend. Prost!

Weitere Informationen zur Eule, zu den Aktionen und zum Biersommelier Markus Weick unter: http://wordpress.99biere.de/

 

Das Reinheitsgebot

Hallo zusammen und herzlich Willkommen im Jahr des deutschen Bieres!

Grund dieses freudigen Ereignisses ist das 500-jährige Jubiläum des Bestehens des sogenannten deutschen (bzw. bayrischen) Reinheitsgebots.

Die offiziell am 23. April 1516 in Ingolstadt erlassene Verordnung (mit dem Titel „Wie das Bier im Sommer und Winter auf dem Land ausgeschenkt und gebraut werden soll“) gilt als ältestes Lebensmittel- bzw. Verbraucherschutzgesetz der Welt.

Ihre drei wichtigsten Ziele waren:

  1. Festsetzung eines einheitlichen Mengenpreises zum Schutz vor überzogene Preiserhöhungen
  2. Schutz von Rohstoffen, welche für die Brotherstellung reserviert werden sollten, zur Sicherstellung einer ausreichenden Nahrungsmittelversorgung
  3. Ausschluss von gesundheitsgefährdenden Zusatzstoffen

Obwohl es bereits zuvor  schon Herstellungsvorgaben auf lokaler Ebene gab (z.B. Augsburg 1156 oder München 1487), war dieses das erste landesweit geltende Gesetz zur Zubereitung vom Bier.

Gemäß des Originallauts der Verordnung:

„Wir wöllen auch sonderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unn auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer stückh / dann allain Gersten / Hopfen / unn wasser / genommen unn gepraucht sölle werdn.“

sollte damit vor allem der oftmals verwendete Weizen zur Brotherstellung gesichert werden. Inoffiziell sollte es aber auch dem herzoglichen Hof langfristig das lukrative Recht des Weißbier-Brauens sichern.

Im Verlaufe der darauf folgenden Jahrhunderte wurde das Gesetz mehrere Male angepasst. Nachdem die Gefahr von Hungersnöten weitgehend gebannt wurde, wurden auch wieder weitere Getreidesorten wie Weizen oder Roggen erlaubt. Differenziert nach unter- und obergäriger Brauart durften zwischenzeitlich sogar auch weitere Zutaten wie Kräuter, Salz oder Zucker beigemischt werden. Aber erst nach der Erforschung der Hefe im 19. Jahrhundert wurde diese als letzte bis dato geltende Zutat hinzugefügt.

Aufgrund der relativ späten Zusammenführung der vielen deutschen Fürsten- und Herzogtümer sowie Königreiche zum deutschen Kaiserreich, erlang das Reinheitsgebot erst 1909 im Zuge des neuen Biergesetzes deutschlandweit Gültigkeit. Der Name „Reinheitsgebot“ wurde im Übrigen erst erstmals 1918 erwähnt.

Heutzutage dürfen laut aktueller Gesetzeslage nur noch Malz, Hopfen(-extrakt), Hefe und Wasser verwendet werden. Die Verwendung von Farb- oder Süßstoffen ist damit zumindest für untergärige Biere ausgeschlossen. Obergärigen Bieren können je nach Gattung hingegen weiterhin Zusatzstoffe enthalten. Insbesondere die Verwendung von chemischen Hilfsstoffen (wie Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP)) wird durch das Gesetz jedoch nicht abgedeckt. Diese befinden sich zwar offiziell nicht mehr im Endprodukt, werden dem Bier aber während des Brauprozesses zugesetzt.

 

Weitere interessante Informationen gibt es unter anderem unter Das Reinheitsgebot  zu finden.

Wir möchten dieses Jubiläum nun an dieser Stelle mit Beiträgen rund um die Hopfenschorle gebührend feiern. Dabei sind explizit nicht alle präsentierten Biere nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut, da wir uns auch  kritisch mit diesem Thema auseinandersetzen wollen.